Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Wir erleben seit einigen Jahren den Beginn eines digitalen Zeitalters, das bereits weitreichende Folge für alle anderen Medien – wie Buch, Fernsehen, Fotografie – hat und in Zukunft noch größere haben wird. Als Literaturwissenschaftler und Autor hat mich in den vergangenen Monaten geärgert, wie einerseits die ‚Netzenthusiasten‚ im Sinne einer naiven Utopie suggerieren, dass mit einem neuen Medium wie dem Internet zugleich auch alles besser werde, und wie andererseits die Verteidiger der analogen Medienwelt so tun, als könne man dem digitalen Zeitalter entweichen und irgendwie doch noch den medialen Status quo bewahren.

Viele meiner liebsten, klügsten und besten Kolleginnen und Kollegen aus der literaturwissenschaftlichen Welt haben in letzterem Sinne den Heidelberger Appell unterzeichnet, den wiederum seine Online-Kritiker als „haarsträubend wie gefährlich“ (Matthias Spielkamp) oder auch „feudalistisch“ (Peter Glaser) brandmarken. Wenn man sich mit einzelnen Appell-Unterzeichnern ausführlicher unterhält, wird schnell deutlich, dass die dichotomische Gegenüberstellung von Buch versus Internet, geistigem Eigentum versus digitaler Kopie, Freiheit der Forschung versus Open Access sowie die Verschmelzung von Google und Open Access zu einem gemeinsamen Feind auch von vielen Unterzeichnern selbst kritisch gesehen wird.

Tatsächlich mag der Heidelberger Appell mit seinen starken und unversöhnlichen Thesen wichtig gewesen sein, um in den aktuellen Debatten mit Getöse auch die (im Medienverbund ansonsten bereits zu schwachen?) Stimmen der Literaten und Literaturwissenschaftler erklingen zu lassen. Wohin aber soll uns das in the long run führen? Schließlich beschäftigt uns alle schon in der Gegenwart nicht die Frage, ob wir die Buchkultur oder die digitalen Medienangebote nutzen, sondern wie wir diese beiden Optionen sinnvoll miteinander verbinden bzw. nebeneinander stellen. Dies scheint mir die eigentliche und zukunftsträchtige Frage zu sein.

Aus diesem Grunde habe ich für die jüngste Ausgabe der von den Literaturwissenschaftlern und Professor/inn/en  Jürgen Link (Dortmund), Rolf Parr (Bielefeld) und Marianne Schuller (Hamburg) herausgegebenen Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (Heft 57, Oktober 2009: mit dem Schwerpunkt „Warum kein Widerstand?“ ohnehin sehr interessant!) einen längeren Aufsatz mit dem Titel Das Internet und die digitale Kopie als Chance und Problem für die Literatur und die Wissenschaft. Über die Verabschiedung des geistigen Eigentums, die Transformation der Buchkultur und zum Stand einer fehlgeleiteten Debatte geschrieben (zum Download des Aufsatzes als PDF bitte auf den Aufsatztitel klicken! Ich danke David Link für die grafische Gestaltung!). Darin unternehme ich – vor dem Hintergrund des historischen und medientheoretischen Wissens der kulturwissenschaftlichen Germanistik – den Versuch, die Buchkultur und die digitale Welt in ihren Stärken und Schwächen miteinander zu versöhnen und die durch den Heidelberger Appell evozierte dichotomische Debatte zu differenzieren. Konkret versuche ich zu zeigen,

  • warum der Heidelberger Appell eine überfällige Debatte verhindert;
  • warum Medienumbrüche schon immer ein diskursives Ereignis waren und die aktuellen Debatten um das Internet im historischen Rückblick auf die Durchsetzung des Buchzeitalters gar nicht so neu sind;
  • dass der Begriff des ‘geistigen Eigentums‘ heute obsolet ist und nur noch als rhetorischer Kampfbegriff genutzt wird;
  • inwiefern Buchverlage, Wissenschaftler und ‚Geistesaristokraten‘ (auch) als Besitzstandswahrer agieren;
  • dass der Kampf gegen die Vorherrschaft Googles notwendig ist;
  • warum ein neues Urheberrecht und Open Access wichtig sind;
  • welche Chancen und Probleme das Internet und die digitale Kopie für die Literatur und die Wissenschaft mit sich bringen.

Die historischen Betrachtungen und die Differenzierung der Gegenwart münden schließlich in einen Kulturrevolutionären Appell, benannt nach dem Publikationsort und dem erhofften Effekt des Beitrags, der wie folgt aussieht:

„Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

1. Für den Internetzugang für alle. Gegen digitale Ungleichheit.

Bislang hat die Etablierung des Internets die Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem nicht beseitigt, sondern verstärkt. Wenn von den demokratischen Potenzialen des World Wide Web gesprochen wird, muss dringend daran gearbeitet werden, dass möglichst allen Bürgern ein kostengünstiger Breitbandanschluss mit der entsprechenden technischen Hardware zur Verfügung steht.

2. Für eine nüchterne und differenzierte Analyse der produktiven und problematischen Seiten des Internets. Gegen die pauschale Rede von ‚dem Internet‘.
In den medialen, politischen, juridischen und wissenschaftlichen Diskursen wird teilweise noch immer eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem neuen Medium und seinen Eigenschaften verweigert, was zu mitunter abstrusen Entscheidungen und Äußerungen führt. Es ist jedoch notwendig, im Wissen um generationelle, bildungsmäßige, wirtschaftliche und ideologische Differenzen der Internetnutzer und der von ihnen produzierten Inhalte ein komplexes Bild von den produktiven und den problematischen Seiten des Internets zu entwickeln.

3. Für eine Flexibilisierung des Urheberrechts, die Nutzung von Open-Access-Datenbanken und die Einführung einer Kulturflatrate. Gegen den Begriff des ‚geistigen Eigentums‘ und die künstliche Aufrechterhaltung analoger Bildungsprivilegien.
Das Internet und die digitale Kopie bieten der Wissensgesellschaft große Chancen, bedrohen jedoch zugleich die Privilegien des literarisierten Bildungsbürgertums und Geschäftsmodelle, die auf den Grundvoraussetzungen der analogen Welt basieren. Die Vertreter dieser Gruppen verteidigen ihre gesellschaftliche Position und den rechtlichen Status quo häufig mit dem Kampfbegriff des ‚geistigen Eigentums‘, der sich heute jedoch nicht mehr halten lässt. Im Gegensatz dazu sollte eine Flexibilisierung des Urheberrechts, die der Vielfalt von Textdistributionsmöglichkeiten im Internet angemessen ist, und die Förderung von Open-Access-Datenbanken sowie von kulturell wichtigen Projekten der Buchkultur staatlich unterstützt werden. Zudem sollten alle von diesem Medienumbruch betroffenen Parteien sich die Hand reichen und über die Einführung einer Kulturflatrate sprechen, mit deren Hilfe die Interessen der Allgemeinheit und der Rechtebesitzer durch eine Verwertungsgesellschaft digitaler Medieninhalte ausgeglichen werden (wie dies in analogen Zeiten aus guten Gründen bereits mit der GEMA und der VG Wort etabliert wurde).

4. Für eine kritische Anwendung des theoretischen und historischen Wissens der Germanistik auf das digitale Zeitalter. Gegen eine im Strudel der Gutenberg-Galaxis untergehende Literaturwissenschaft.
Das Internet transformiert viele Schreibverfahren, die schon aus der Gutenberg-Galaxis bekannt waren, es entwickelt zudem neue intermediale, interaktive und interkulturelle Schreibweisen und wird den Buchmarkt modifizieren (Texte werden fragmentarischer, intermedialer, es wird einen Trend zum literarischen Event geben). Aktuelle Untersuchungen deuten daraufhin, dass die junge Generation literarische und wissenschaftliche Texte mehr in digitaler als in Buchform rezipieren wird. Die Literaturwissenschaftler täten gut daran, wenn sie diese Entwicklungen nicht nur als einen kulturellen Verfall ablehnen würden, sondern ihr theoretisches und historisches Wissen in kritischer Weise auf diese Entwicklungen und die neuen Textsorten anwenden würden.

5. Es sollte zukünftig nicht mehr heißen: ‚Internet oder Buchkultur‘, sondern ‚Internet und Buchkultur – aber wie?'“

Die Debatte über meinen Kulturrevolutionären Appell beginnt bereits im Heft selbst, in dessen Vorwort Jürgen Link meinen Beitrag einerseits als „ausgezeichnet dokumentiert() und luzide argumentierend()“ lobt, sich jedoch andererseits in einigen Punkten von ihm distanziert: Der Heidelberger Appell habe, so Link, erst eine notwendige Debatte eröffnet, nicht verhindert; zudem müsse man die Obsoletheit des ‚geistigen Eigentums‘ auch im Vergleich zum Umgang mit Patentwesen und Großkapital reflektieren (vgl. Jürgen Link: Zu diesem Heft, in: kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie 57/2009, S. 3f.).

Ich würde mich über solidarische Stimmen und weitere Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Kulturrevolutionären Appells oder aber über kritische Kommentare und eine differenzierte Diskussion meines Beitrags sehr freuen!

Kommentare (7)
  • […] Thomas Ernst – Autor und Literaturwissenschaftler » Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung… http://www.thomasernst.net/kulturrevolutionaerer-appell – view page – cached Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse der Debatten um Internet, Wissenschaft, Literatur und Urheberrecht von Dr. des. Thomas Ernst (Luxemburg). — From the page […]

  • […] Ernst hat für die “Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie kultuRRevolution” einen Kulturrevolutionären Appell (Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von […]

  • Nur einen Hinweis: Am 13.10. vermeldete die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), daß sie OpenAccess-Zeitschriften fördert. Hier der Link dazu:

    http://www.dfg.de/aktuelles_presse/pressemitteilungen/2009/presse_2009_57.html

    Die Frage, die hier dahinter steht, ist doch, wer finanziert digitale Inhalte? Ohne Zweifel, die Buchbranche ist in einem grundlegenden Wandel. Diskussionen darüber werden in ihrer Tiefe nicht überall intensiv geführt, leider. Aber es gibt in der Verlagswelt auch Verlage, die sich der elektronischen Publikation im wissenschaftlichen Bereich öffen, bis hin zu OpenAccess. Ich stimme mit Ihnen überein: der „Heidelberger Appell“ vermischt zuviele Dinge, die verschiedene Bereiche betrifft. Eine differenzierte Betrachtung und eine Offenheit für die neuen Entwicklung ist notwendig – von Verlagen, aber auch von Wissenschaftlern. Gemeinsam sollten wir diesen Weg gehen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wenke Richter

    Meine Verlag

  • Brett sagt:

    Man muss die bestehende Welt nie für die beste aller Möglichen halten, dennoch geht mir gleich ein spöttisches Grinsen über die Lippen, wenn ich „kulturrevolutionär“ oder dergl. Großworte lese – da weiß man doch gleich, dass die Sache dazu tedniert, eine Nummer zu groß und aufgeregt angelegt zu werden. Was am „Urheberrecht“ obsolet sein soll, weiß ich nicht. Es ist unterschieden vom Verwertungsrecht. Wenn von GEMA, Flatrate etc. die Rede ist, bezieht sich das auf Verwertungsrechte – das sollte man schon mal sauber trennen. Was man zweitens und hauptsächlich bedenken sollte, sind Produktionskosten. Bislang ist Schriftstellerei eine Risikounternehmung mit ind er Regel ungeheurem geringen return-on-investment. Dennoch ist es ist offenkundig notwendig, dass es diese Risikokomponente gibt. Zur Risikokomponente gehört ebenso notwendig die Existenz einer Chance. Diese Chance beruht auf den Verwertungsrechten: Von dem Recht, sein Geschreibsel in welcher Form auch immer verkaufen zu dürfen, bis hin zu Auslandsrechten, Hörbuch-Rechten, Verfilmungsrechten oder sonstigen Verbreitungsrechten. Wenn man diese Rechte per se gesellschaftlich einzieht, dann fragt sich wie sich die neuen Chancen gestalten: Registrieren der Downloads und entsprechende Teilnahme an VG-Wort-Ausschüttungen? Hat offenkundig Betrugsgefährdungen. Ich weiß nicht, wie es gehen soll und in dem kulturrevolutionären Appell fallen dazu nur ein paar Stichworte. Das hilft eben nicht weiter und trägt dazu bei, dass der Appell die Eigenschaften einer Weinahctsbaumkugel hat – sie glänzt verheißungsvoll und kann leicht platzen. – Was die Tantiemen für Wissenschaftler angeht, so ist das eine völlig andere Welt. Wissenschaftler kriegen ja ihre Produktionskosten sowie schon bezahlt und ziehen aus Veröffentlichungen einen Renommee-Gewinn, der sich wiederum positiv auf die Forschungsmöglichkeiten auswirkt. Daher waren Professoren seit jeher schon gut entlohnt, wenn ihre Werke nur überhaupt in würdigem Rahmen erschienen und bemerkt wurden. Alle freischaffenden Kulturproduzenten genießen aber nicht solche Privilegien, sondern sind mehrheitlich hungerleidende Randexistenzen bzw. Nebenbeiproduzenten. Was hat die neue Medienwelt ihnen zu bieten? Möglicherweise Besseres. – Ganz unsinnig finde ich den in die Jahre gekommenen Kampfbegriff „bürgerlich“. Das klingt so, als ob die Buchsphäre von der Produktions- wie von der Rezeptionsseite her noch verbandelt wäre mit dem besser verdienenden Angestellten- und Unternehmer-Milieu. Wer dieses Milieu halbwegs aus eigenem Erleben kennt, weiß, dass „Buchkultur“ vom klassischen Geld-Bürgertum nicht mehr getragen wird. Die hängen sich 3.000 Euro teure TVs in ihre 60qm großen Wohnzimmer, was Originales an die Wand, legen sich ein paar „Coffee-Table“-Fotoschinken aufs Beistelltischchen und befinden sich überwiegend geistig auf dem Niveau von Bildungsabbrechern. Es gibt noch gebildete Menschen, aber sie sind meistenteils nicht bürgerlich oder sogar anti-bürgerlich gestimmt. Insofern muss man auch nicht so tun, als würde mit der Buchkultur irgendetwas „Bürgerliches“ verteidigt. Wenn da etwas zu verteidigen ist, dann eine gewisse Reflexions- und Problematisierungskultur. Und was sonst noch so am Buch dranhängt von Bastei-Lübbe bis romantische Frauenromane, soll sich von mir aus finanzieren, wie es mag – das Zeug ist alles so relevant wie die Bunte Illustrierte von nächster Woche. – Internet und Buchkultur – ja, natürlich. Das wussten wir aber alle auch schon ohne Appelle und Manifeste. Im Moment nutzen Verlage das Internet – wie alle Welt – vor allem als Werbeplattform. Zur Distribution auch immer mehr – sogar bei der Friedenauer Presse kann man online bestellen. Dass man Wissenschaftlern freie Bahn schaffen sollte, würde ich unterschreiben. Dass es für unzählige wissenschaftliche Zeitschriften keine umständlichen Druckverlage mehr braucht, ist wahr – so leid es einem um diesen Teil der Verlagswelt tut. Dass die Copyrights für literarische Werke weiterhin als die Ware der Autoren angesehen werden müssen, würde ich aber genauso fordern. Dass Bildung gratis sein muss, glaube ich nicht unbedingt. Jedenfalls wird es der Bildung weniger helfen, als man glaubt. Die Absperrungen sind doch schon seit Jahren gesunken – trotzdem sinken auch Wissen und Bildung. Das „Gutenberg-Projekt“ hat Unmengen von Texten frei zugänglich gemacht – ja und?! Ist das Interesse gewachsen? Natürlich nicht. Das gilt auch für zahllose andere Wissensbereiche. Warum? Weil das Internet per se ein geist- und bildungsfernes Medium ist. Es wird genutzt für Spiel, Entertainment, TV, Bla-bla, „Freunde“ und „Informationen“, die überwiegend werbeverseuchte Inhalte sind (Homepages von t-online und gmx angucken – das snd die Sites, die „interesse generieren“).

  • Thomas Ernst sagt:

    @ Brett: Ich danke für Ihre kritischen Anmerkungen, die ich natürlich nicht unbedingt teile. Aber es geht mir darum, die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken und zu differenzieren, da sind auch kritische und neue Differenzen einführende Kommentare (Urheber- vs. Verwertungsrecht, Wissenschaft vs. Literatur) sehr willkommen!

    Eine Anmerkung erscheint mir aber wichtig: Der kurze Kulturrevolutionäre Appell basiert – wie man im Posting lesen kann – auf einem ausführlichen Aufsatz, den ich für die Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskursanalyse verfasst habe, und den man hier lesen kann. Daher erscheinen im Appell selbst nur ein paar Stichworte; die differenziertere Analyse des ‚Heidelberger Appells‘ und der ‚bürgerlichen Lesekultur‘ findet sich im Aufsatz. Aus dem Ort der Erstveröffentlichung erklärt sich auch der – von mir – tatsächlich ein wenig spöttisch gemeinte Titel Kulturrevolutionärer Appell; hinter dem sich allerdings auch der feste Glaube daran verbirgt, dass sich gerade die Vertreterinnen und Vertreter der Buchkultur mit der Kulturrevolution, die das digitale Zeitalter bedeutet, produktiver beschäftigen könnten.

  • Emilia Ragems sagt:

    Sie schreiben in ihrem Aufsatz, Reuß habe seinen Appell Open Access veröffentlicht. Bitte das zu korrigieren: Open Access ist nicht einfaches Online-Stellen beliebiger Schriften, sondern folgt dem qualitätssichernden Prinzip eines Verlags. Da der Heidelberger Appell nie durch eine Qualitätssicherung ging (was ihm ganz offensichtlich anzusehen ist), kann er auch nicht als Open Access gelten. Ganz abgesehen von der Wissenschaftlichkeit.

    Außerdem äußerte sich Roland Reuß in einer Diskussionsrunde auf 3sat zum Ingeborg Bachmann-Preis über Open Access:
    »An Open Access ist überhaupt nichts schlecht, es ist eine Publikationsform wie viele andere.«
    Ihm zu unterstellen, er würde Open Access per se ablehnen ist deshalb wohl auch argumentativ ein wenig verfehlt.

    Ich vertrete mit Sicherheit nicht Reuß‘ Meinung zu beiden Thematiken, sowohl Google als auch die Deutschen Wissenschaftsorganisationen. Aber man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, so unscharf zu argumentieren, wie er es zu tun pflegt. Reuß glaubt Verfechter des Urheberrechts zu sein und für ihn sind Google und Open-Access-Zwang deshalb gleich, weil ihm in beiden Fällen sein „Kind“, wie er es nennt, also das Werk entzogen wird. Es handelt sich imho um eine sehr emotionale Geschichte, das lässt der Appell ja auch oft genug durchblicken. Da ist es manchmal auch schwer, klar zu sehen, worum es geht, wenn „Open Access als Enteignung“ gebrüllt wird, obwohl es eigentlich um Handlungen der Deutschen Wissenschaftsorganisationen geht.

    Der Heidelberger Appell hat jedenfalls stark zu meiner Überzeugung beigetragen, dass bald jedes Internet-Forum mehr Qualität zu bieten hat, als das Feuilleton großer Tageszeitungen: Dort wird in etwa genau so viel geflamet und unreflektiert der erste Gedanke gepostet, wie es oft in den Tageszeitungen dem Anschein nach gemacht wird. Und Reuß wäre für mich persönlich der klassische Troll. (Wer seine Antwort auf Gersmanns Replik kennt, wird nicht umhin kommen hier ein Körnchen Wahrheit zu finden).

    Abschließend möchte ich mich aber auf jeden Fall bei Ihnen bedanken, dass Sie hier einen Versöhnungsversuch gestartet haben. Das ist gut und wichtig. Ich fürchte nur, dass es weniger zur Sensationslust der Feuilleton-Leser beiträgt und deshalb – auch wenn ich das nicht hoffe – wesentlich weniger Aufmerksamkeit bekommt als ein kurz hingeworfener, im Grunde genommen flapsiger Appell aus Heidelberg.

  • Emilia Ragems sagt:

    Quasi ein Post Skriptum:

    Entschuldigen Sie bitte, dass ich dies nun in einen neuerlichen Post packen muss, aber eines hatte ich noch vergessen:

    Open Access setzt natürlich auch voraus, dass der Autor unter eine freien Lizenz veröffentlicht. Ich glaube, nichts läge Reuß ferner.

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