Wolfgang Welt ist tot. Es lebe die Weltologie!

Wolfgang Welt ist tot. Mit großem Bedauern habe ich diese Nachricht erfahren. So traurig sein Tod ist, so groß wird die Freude sein, die uns sein literarisches Werk noch machen wird.

Bei ihm gehe es nicht um den „Stream of Consciousness, sondern um den Stream of Unconciousness“, sagt Welts Alter Ego in Der Tunnel am Ende des Lichts, seinem vielleicht intensivsten Werk, das vom Wahnsinn, Scheitern und dem einsamen Umherirren durch das Ruhrgebiet berichtet. Welt hat mit seinen wenigen Romanen und seiner sehr spezifischen autofiktionalen und ‚ehrlichen‘ Prosa bemerkenswerte Werke neben die Hauptströmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gelegt. Moritz Baßler nobilitiert Welts Romane treffend: „Von einer bestimmten Schreibqualität an ist Wahrheit Literatur.“

Als ich mit Florian Neuner 2009 für unsere Anthologien zur Ruhrgebietsliteratur regaleweise Romane sichtete und las, mussten wir manche ästhetische Zumutung ertragen, aber Wolfgang Welts Werk affizierte uns nachhaltig. Die Jury des „Literaturpreis Ruhrgebiet“ kann ihn seit spätestens 2006, als der Suhrkamp Verlag Peggy Sue (1986), Der Tick (1999) und Der Tunnel am Ende des Lichts (2006) in einem Band veröffentlichte, nur sehr bewusst ignoriert haben (wie auch den „Aufruf der Dreißig“ von u.a. Handke, Dath, Wehr…). Damit markierte sie nachhaltig, wie im Ruhrgebiet leider häufig mit literarisch Außergewöhnlichem umgegangen wird. An der Universität Duisburg-Essen erforscht gerade ein DFG-Projekt „Die Geschichte der Ruhrgebietsliteratur seit 1960“, und ich hoffe sehr, dass die KollegInnen aus dem Nachbarbüro Wolfgang Welt zumindest hier den ihm zustehenden Platz zuweisen werden (zumal er sich intensiv mit dem Ruhrgebiet als einem vernetzten und wandelbaren Rhizomraum befasst; vgl. Aufsatz zum Download).

In der Literaturwissenschaft etabliert hoffentlich in den nächsten Dekaden eine „Weltologie“ (Aufsatz zum Download), die ich an einer anderen Stelle zu begründen versucht habe: „Als ‚Weltologen‘ wären all jene zu bezeichnen, die sich reflektiert und analytisch mit dem Werk Wolfgang Welts beschäftigen.“ In einer intensiven Auseinandersetzung mit den bisherigen literaturwissenschaftlichen und -kritischen Arbeiten über Welt habe ich 43 ungeklärte Forschungskomplexe differenziert, die sich unter drei größeren Feldern rubrizieren lassen:

1) Wolfgang Welts Rezeption in der Literaturkritik

2) Wolfgang Welts Texturen

3) Wolfgang Welts Autorschaft

Im Band Annäherungen an das Werk von Wolfgang Welt (2013, hg. v. Steffen Stadthaus und Martin Willems) und mit André Menkes jüngst erschienener Dissertationsschrift Pop, Literatur und Autorschaft: Literarische Strategien und Inszenierungen bei Wolfgang Welt, Rocko Schamoni und Rafael Horzon finden sich Schriften von Weltologen. Es gibt aber noch viel zu tun. Wolfgang Welt ist tot. Aber: Es lebe die Weltologie!

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