Archiv für Archiv des laufenden Schwachsinns

Der Journalismus, die Lobbyisten und die Wahrheit

Eine funktionierende Demokratie lässt sich nicht denken ohne eine freie und unabhängige ‚vierte Gewalt’, die sich in Deutschland insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk organisiert hat. Nachdem allerdings die Posse um die Nicht-Verlängerung des Vertrags von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender offen gelegt hat, dass zumindest dieser Sender eindeutig unter parteipolitischen Einflüssen steht, zeigen die immer wieder aufgedeckten Fälle von Schleichwerbung die Verstrickung von kommerziellen Interessen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk.
Dieses problematische Verhältnis zeigte sich jüngst wieder im Nachgang zu einem fein aufklärerischen Beitrag der satirischen ‚heute-show’ des ZDF. Deren Reporter Martin Sonneborn, zugleich Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, den Pharmalobbyisten Peter Schmidt (Pro Generika) um ein Interview gebeten, das „nach Möglichkeit in einer der ‚heute’-Sendungen, bevorzugt im ‚heute-journal’, platziert” werden solle. Indem er nun gerade jene Stellen veröffentlicht, die in der üblichen journalistischen Praxis dem Schnitt zum Opfer fallen („Nein, das möchte ich ungerne sagen, deswegen habe ich auch abgebrochen.”), trägt er gerade durch diese Verletzung journalistischer Grundregeln so etwas wie ‚Wahrheitsfindung’ bei. Doch sehen Sie selbst:

Es überrascht nun nicht, dass ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut Schmidts Beschwerde gegen diese Praxis zum Anlass nahm, Sonneborn fortan das Operieren mit dem ‚heute’-Level zu untersagen. Beschwerden der Pharmaindustrie, als einem der großen ZDF-Werbekunden, werden selbstverständlich ernst genommen. Peter Schmidt hat übrigens, wenngleich aus vorgeblich anderen Gründen, seinen Job verloren.

Der DFB und der wichtigste Schiedsrichter der Welt. Eine Erinnerung an John Blankenstein - aus gegebenem Anlass

Seit ein paar Wochen ist das deutsche Fußball-Schiedsrichterwesen nicht aufgrund seiner guten Leistungen, sondern aufgrund der Ereignisse um den inzwischen von allen DFB-Ämtern zurückgetretenen ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter und zuletzt als DFB-Schiedsrichtersprecher tätigen Manfred Amerell in den Schlagzeilen. Unstrittig scheint, dass das deutsche Schiedsrichterwesen bis heute im Sinne einer klassischen Burschen- und Männerseilschaft organisiert ist, so dass die Beförderung einzelner Referees durch Protégés zumindest möglich war. Diese Strukturen sollen nun massiv verändert werden - gut und Punkt.
Problematisch und für die DFB-Verantwortlichen offenbar delikat wird es nun in der Angelegenheit Manfred Amerell vs. Michael Kempter. Der junge Bundesliga-Schiri Kempter behauptet, sein ‚Ziehvater’ Amerell habe ihn sexuell belästigt; Amerell wiederum stellt fest, er sei bisexuell und beide hätten über eine längere Zeit ein mehr als freundschaftliches Verhältnis geteilt; Kempter erklärt wiederum im Interview, er sei definitiv nicht homosexuell. Die ganze Angelegenheit ist natürlich ein gefundenes Fressen für den Boulevard, werden Homo-/Bisexualität, Abhängigkeitsverhältnisse, Unwahrheit, Belästigung und Fußball hier doch zu einer unschönen Melange verquirlt, die wiederum das alte Vorurteil zu bestätigen scheint, dass bei ‚den Schwulen’ doch immer auch Unterdrückung, Lüge und Gewalt eine Rolle spielten.
Ich musste bei vielen journalistischen Beiträgen der letzten Wochen an den bekennend schwulen Schiedsrichter John Blankenstein aus den Niederlanden denken, dem mein Kollege Gerd Dembowski in einem Text mit dem Titel Der wichtigste Schiedsrichter der Welt ein postumes Denkmal gesetzt hat. Gerd als Moderator und ich als Übersetzer aus dem Niederländischen haben John bei einigen Veranstaltungen im Kontext der Reihe Homophobie im Fußball begleitet, was uns beide nachhaltig beeindruckt hat. Weiterlesen »

Aus noch aktuellerem Anlass: Korruption im Amateurfußball (II)

Der Aufschrei ist groß: Europaweit stehen rund 200 Fußballspiele unter dem Verdacht, dass sie von einer ‘Wettmafia’ manipuliert worden seien. Für aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Blogs ist es kaum überraschend, dass der vorgeblich ’saubere Sport’ einigen Dreck am schienbeinschützerumschlossenen Stecken hat. Wer es noch nicht gelesen hat, erkundige sich bitte hier über jene Korruption im Amateurfußball, die schon zu meinen aktiven Zeiten in den 1990er Jahren ihr Unwesen trieb - auch wenn es damals mehr um Auf- und Abstiege und weniger um Wettskandale ging.

Aus aktuellem Anlass: Korruption im Amateurfußball

Dieser Fehler war nicht gekauft...

Der Handballsport ist in der Krise, Schiedsrichter sollen über viele Jahre bestochen worden sein. Anlässlich dieses neuerlichen Skandals muss noch einmal kurz daran erinnert werden, dass auch der Fußballsport in der Saison 2004/2005 einen Schiedsrichter-Skandal erlebte, der als “Fußball-Wettskandal 2005″ in die Annalen einging. Die Muster ähneln sich allerdings immer wieder (übrigens auch beim Umgang mit Doping in vielen anderen Sportarten): Zunächst werden die Skandale von Funktionären gedeckelt, weil man einen Imageschaden für den Sport befürchtet, dann werden die beteiligten Sportler oder Schiedsrichter als ’schwarze Schafe’ symbolisch aus dem natürlich ‘integeren Kreis der fairen Sportler’ ausgestoßen - und der Betrieb läuft weiter wie bisher.

Mich haben die aktuellen ‘Enthüllungen’ an meine eigene Zeit als Fußball-Torwart im Ruhrgebiet erinnert: Von 1994-1999 habe ich von der Kreis- bis zur Landesliga für u.a. den VfB Speldorf, Blau-Weiß Mintard und den SV Raadt gespielt (zwischendrin auch für die U21-Kreisauswahl Mülheim/Duisburg/Dinslaken und die Mülheimer Stadtauswahl). Meiner Erfahrung nach werden selbst in diesem mittleren Amateurbereich einige Spiele aus dem letzten Saisondrittel zwischen einem Team, das noch um den Auf- oder Abstieg spielt, und einer Mannschaft, die jenseits von Gut und Böse steht, zum Gegenstand von ‘Verhandlungen’. Üblicherweise Weiterlesen »

Deutschlandbilder (1): Brüssel in Dänemark am Stachus

München, Karlsplatz (’Stachus’), Februar 2007

Vielleicht liegt von Deutschland aus gesehen Brüssel tatsächlich in Dänemark, so wie ich mir habe sagen lassen, dass einige US-Amerikaner Belgien für die Hauptstadt von Brüssel halten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der globalisierte Kapitalismus sich die Topografien einfach so zurichtet, wie er sie gerne hätte, wenn es denn dem Umsatz dient. Weiterlesen »

Archiv des laufenden Schwachsinns (1): Überwachung

Duisburg, Straßenbahnlinie 901 Richtung Obermarxloh,

Werbung für die “Maßnahme Einstieg vorn”, ca. 2002

Reisebilder (2): Manhattan (Chinatown). Ohne Worte

USA, New York, Oktober 2005

USA, New York, Oktober 2005

Herzlich willkommen im Blog von Thomas Ernst!

Der Autor dieser Zeilen lebte und arbeitete in den vergangenen Jahren als

  • Buchautor und Herausgeber - u.a. Popliteratur (2001/2005), SUBversionen (2008), Wissenschaft und Macht (2004)
  • Autor für Fernsehen, Literaturmagazine und Zeitungen - u.a. ZDF, 3Sat, Titanic, Süddeutsche Zeitung, BR-Zündfunk, Schreibkraft
  • Literatur- und Kulturwissenschaftler - Promotion 2008 mit einer Arbeit über ‘Subversive Konzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa’
  • Dozent für Literaturtheorie, Gegenwartsliteratur, Popkultur und Creative Writing - Vorträge und Lehre in den USA und den Niederlanden, in England, Wales, Belgien, Dänemark, Polen, Österreich, Luxemburg und Deutschland
  • Performer multimedialer Lesungen - zu den Themenbereichen ‘Pop & Literatur’, ‘Literatur & Subversion’ sowie ‘Fußball & Literatur’

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  • In eigener Sache - aktuelle Hinweise zu Büchern, Vorträgen und Projekten (In eigener Sache)
  • Reflexionen - Neuigkeiten über Audio-, Video- und Textmaterial, das zum Download bereitsteht (Everything for free); aktuelle Kommentare zu Literatur, Film, Fernsehen (Es ist egal aber), Internet und Politik (Kein Außen mehr)
  • Reisen - Berichte und Fotos zum Stand der Dinge in den Globalisierungsprozessen (Riot on an empty street), so mancher exotischer Provinz (Place to be) sowie bevorzugt aus Belgien (Bericht aus Brüssel) und Deutschland (Im Taxi weinen)
  • Fundstücke aus dem beschädigten Leben - Anekdoten (Fun ist ein Stahlbad), Videoclips (How bizarr), Zitate (I am a cliche)
  • Rubriken - in unregelmäßigen Abständen finden Sie Artikel zu den Rubriken Archiv des laufenden Schwachsinns, Fragen Sie Dr. Ernst!, Helden der Arbeit, Thomas Ernst des Monats und Webseite des Monats

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