Archiv der Kategorie: (Digitales) Lehren

Die Onlinelehre verbessern, nicht einfach nur zurück zur Präsenzlehre

Drei Viertel des Twittercampus wollen im WS 2020/21 weiterhin online lehren.

Ein offener Brief, der zur schnellstmöglichen Rückkehr zur Präsenzlehre an den Universitäten aufruft, ist jüngst von über 2.000 Professor*innen unterzeichnet worden. Er stellt die „Präsenzlehre“ einseitig den „virtuellen Formaten“ gegenüber und wertet die digitale Lehre ab. Da mein Eindruck jedoch ist, dass die gute Lehre der Zukunft gerade aus der sinnvollen Verschränkung von digitalen und Präsenzelementen bestehen sollte, habe ich auf Twitter ein Meinungsbild hierzu erstellt. Das Ergebnis: Von denjenigen, die sich unter dem Hashtag #Twittercampus austauschen, wollen im kommenden Semester zur „Präsenzlehre wie früher“ nur 6,5 % zurückkehren, während 76,4 % weiterhin an der Onlinelehre festhalten wollen (in verbesserter Form oder mit Präsenzelementen).

Dieses Meinungsbild mag für jene Lehrenden stehen, die sich als Wissenschaftler*innen auch auf Sozialen Medien bewegen und der Online-Lehre offener gegenüber stehen. Die Debatte über die Hochschullehre sollte sich deshalb nicht nur darauf richten, wie man schnellstmöglich wieder zur ‚alten Lehre‘ zurückkehren kann. Die Universitäten müssen die Coronaphase unbedingt nutzen, um kurzfristig die Online-Lehre und damit auch langfristig das Blended Learning zu verbessern.

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Wo Coronasemester war, soll gutes Blended Learning werden: Digitale Lehrerfahrungen 2020 und Empfehlungen für eine bessere Zukunft

Artikel in FAZ und Welt vom 23./24.5.2020

Nun sagt, wie halten wir es zukünftig mit der digitalen Lehre? Diese neue Gretchenfrage der Hochschullehre stellt sich in neuer Form, denn der aktuelle Forschungsstand zur Covid-19-Pandemie lässt Präsenzunterricht vorerst wenig ratsam erscheinen. Die ersten Universitäten wie die University of Cambridge deklarieren folglich bereits das komplette Studienjahr 2020/21 zum Online-Lehrjahr. Gegen diese nahe liegende Entwicklung polemisieren nun konservative Medien: Thomas Thiel behauptet jüngst in der FAZ, dass „das digitale Einheitsprodukt billiger ist als das physische Seminar vor Ort“ und letztlich nur Medienkonzernen wie Bertelsmann und Microsoft diene; Susanne Gaschke proklamiert in der Welt gar „das Ende der Universität, wie wir sie kannten“. Auch eine linke Aktivistin wie Naomi Klein problematisiert den Digitalunterricht als Teil einer „High-Tech Dystopia“, die sie in The Intercept als Teil des „Screen New Deal“ diffamiert.

Es ist weise, diese sozialen und ökonomischen Gefahren im Blick zu behalten. Zur Weisheit gehört jedoch auch, diese Thesen mit konkreten Erfahrungen in der Hochschullehre abzugleichen. Es gibt bereits entsprechende Threads zu den Artikeln von Thiel und Gaschke, in denen Kolleg*innen diese Meinungsbeiträge als „antiakademische Polemik“ in Kombination mit „Technikfeindlichkeit“ (@miriamzeh) bzw. „Unfassbarer Schmarrn“ (@ArminNassehi) und „quasi argumentfrei“ (@drbieber) bewerten. Im Gegensatz dazu müssten auch die positiven Erfahrungen berücksichtigt werden, denn: „Wir werden das Gute aus der Online-Lehre behalten, und damit die Präsenzlehre aufwerten.“ (@nettwerkerin)

Da bei uns in Belgien das Sommersemester früher liegt als in Deutschland (von Februar bis Mai), erwischte uns die Umstellung auf reinen Online-Unterricht mitten im laufenden Semester. Das war im März eine enorme Herausforderung, ermöglicht mir nun jedoch, bereits anderthalb Monate vor den Kolleg*innen aus Deutschland ein vorläufiges Fazit dieser digitalen Lernerfahrungen und vor allem Empfehlungen für 2020/21 zu formulieren. Weiterlesen

Greift Covid-19 auch die Geisteswissenschaften an? Wofür sich Medien und Studienanfänger*innen gerade interessieren

Die Covid-19-Pandemie hat einen großen Einfluss auf unser Alltagsleben, beispielsweise stehen plötzlich andere Arbeitsbereiche im Fokus der Öffentlichkeit. In der Wissenschaft ist auffällig, dass zuletzt Immunologen und Virologen eine ganz neue Prominenz erlangt haben. Internationale Koryphäen wie Anthony Fauci in den USA, Christian Drosten in Deutschland oder Marc van Ranst und Erika Vlieghe in Belgien sind medial präsent und werden fast schon zu Popstars.

Es ist eine gute Entwicklung, dass die populäre Wissenschaftskommunikation eine ganz neue Reichweite erhält, beispielsweise der Podcast von Christian Drosten oder der Vlog-Channel von Mai Thi Nguyen-Kim. Auch viele Nicht-Wissenschaftler*innen können nun etwas mit einem Begriff wie ‚Peer Review‘ anfangen. Einer aktuellen Studie zufolge sprechen sich 90% aller Bürger*innen dafür aus, die Politik möge auch zukünftig „verstärkt Meinungen und Analysen der Wissenschaft in politische Entscheidungsprozesse“ einbeziehen.

Zugleich bewirkt die aktuelle mediale Fixierung auf die Naturwissenschaften und die ökonomische Krise jedoch auch eine nachhaltige Verschiebung der gesellschaftlichen Interessenlage. Während viele Selbstständige aus dem Kultursektor gerade auftrags- und teilweise auch öffentlichkeitslos sind und Expert*innen bereits ein großes Zeitungs- und Kinosterben prophezeien, fokussiert sich die mediale Öffentlichkeit hauptsächlich auf die Bereiche Politik, Virologie und Ökonomie.

Geisteswissenschaften, Kompetenzen und Kulturkrisen

Diese einseitige Priorisierung greift jedoch zu kurz. Denn natürlich muss Weiterlesen

Wenn im laufenden Semester die Lehre digital wird: Das Beispiel Belgien

Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Im letzten Jahr habe ich meinen Habilitationsprozess an der Universität Duisburg-Essen erfolgreich mit einer Schrift über Literatur und Literaturwissenschaft im Zeitalter der Sozialen Medien abgeschlossen. Ein Kapitel dieser Arbeit widmet sich der Frage, welche Potenziale die Sozialen Medien für die digitale Lehre und die Veröffentlichungspraxis der Germanistik offerieren und wie diese fruchtbar gemacht werden könnten. Es wurde mir klar, dass diese Potenziale zwar groß sind, in der Umsetzung aber auch viel daneben gehen kann und – vor allem – dass es noch viel auszuprobieren gäbe.

Deutschland: Debatte um digitale Lehre und ein #Nichtsemester

Aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt: Dass wir nun in der „größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ (UN), so groß muss man wohl denken, gezwungen sein würden, unsere komplette Hochschullehre in kürzester Zeit auf ihre digitale Form umzustellen. Die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronovirus sind zunächst einmal ein gesamtgesellschaftliches Problem und insbesondere für die Risikogruppen hochrelevant. Ein Effekt dieser wichtigen Maßnahmen ist für meine Kolleg*innen und mich allerdings, dass sie als struktureller Zwang nun eine nur auf Temporalität angelegte Disruption der Lehre auslösen werden.

Eine ‚digitale Revolution‘ lässt sich unter diesen Vorzeichen kaum sinnvoll umsetzen. In Deutschland gibt es daher, ausgehend von einem von den Kolleginnen Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU München), Prof. Dr. Andrea Geier (Trier) und Prof. Dr. Ruth Mayer (Hannover) initiierten offenen Brief, eine Debatte, ob das Sommersemester 2020 nicht besser ein Nicht-Semester werden sollte. Der Brief weist berechtigterweise darauf hin, dass die Online-Lehre „eine besondere, eigene, voraussetzungsreiche Variante der Lehre“ ist und sehr „gründlich vorbereitet“ werden müsse, wofür die Zeit nun kaum reiche. Spezifische Probleme des deutschen Hochschulsystems – die Befristung der allermeisten Stellen, die hohen Lehrdeputate vieler Kolleg*innen – sowie die schwierigen ökonomischen und sozialen Situationen vieler Studierenden stünden jedoch dieser notwendigen gründlichen Vorbereitung im Wege. Die Forderung der Verfasserinnen, das Sommersemester vor diesem Hintergrund in ein besonders flexibles ‚Nicht-Semester‘ umzuwandeln, wurde innerhalb von drei Tagen von mehr als 1.300 Kolleg*innen erstunterzeichnet.

Belgien: Umstellung auf digitale Lehre im laufenden Semester

Als in Belgien Lehrender ist meine Situation allerdings eine andere, denn die Studienjahre sind anders strukturiert. Mich erwischten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Verbreitung in einem laufenden Semester, denn hier Weiterlesen

UvA: Studentische Konferenzen und Gastvorlesung 2018

Es ist eine erfreuliche Priorität der Universiteit van Amsterdam, ihren Studierenden schon in den BA-Studiengängen eigene Präsentationen auf studentischen Konferenzen zu ermöglichen. In der zweiten Hälfte des Studienjahres 2017/18 betrifft dies gleich zwei meiner Seminare: Am Mittwoch, 31.1.2018, werden die Studierenden meines BA-Seminars Digitaal Duitsland ihre Gruppenprojekte aus den Bereichen Digitale Bildung, Digitales Schreiben und Publizieren sowie Digitales Forschen auf einer Abschlusskonferenz öffentlich präsentieren (31.1., 12:30-17:30 Uhr, P.C. Hoofthuis 5.55). Zum Abschluss des Seminar Germanistiek, das unsere BA-Studierenden auf ihre BA-Abschlussarbeit vorbereitet, werden wir am 22. und 23. März 2018 gemeinsam mit Dr. Angela Mielke von der Universität zu Köln eine studentische Konferenz durchführen, bei die Studierenden aus Amsterdam und Köln ihre Projekte präsentieren und diskutieren werden. In diesem Jahr Weiterlesen

Veröffentlichung: „Eine Kritik der Kritik des Open Access“

Es freut mich sehr, dass kurz vor Jahresende mein Aufsatz „Eine Kritik der Kritik des Open Access. Zu den Debatten über das Zweitveröffentlichungsrecht und über die Wertigkeit von Print- vs. Digitalpublikationen in den Geisteswissenschaften“ in der 30. Ausgabe der Zeitschrift Libreas. Library Ideas unter dem Schwerpunkt „Post-Digital Humanities“ veröffentlicht worden ist. In diesem Beitrag zeichne ich zunächst nach, wie sich nach den frühen Appellen für Open Science und Open Access inzwischen Standards einer offenen Veröffentlichungspraxis in den Geisteswissenschaften etablieren. Die Etablierung von Open Access als Standard in den Geisteswissenschaften wird allerdings weiterhin scharf kritisiert, weshalb ich mich anschließend sowohl mit den buch- und medienwissenschaftlichen Grundannahmen der Kritiker des Open Access (vor allem am Beispiel von Michael Hagner und Roland Reuß) sowie mit einzelnen Praxiserfahrungen bei der Wahrnehmung des Zweitveröffentlichungsrechts beschäftige. Schließlich kann ich zwar einerseits die medientheoretischen Grundannahmen der Open Access-Kritiker zurückweisen, ich plädiere jedoch andererseits dafür, einzelne ihrer Kritikpunkte zu berücksichtigen, um eine bessere Praxis von Open Access-Veröffentlichungen zu etablieren. In meinen Ausführungen beziehe ich mich u.a. auf buchwissenschaftliche (Svenja Hagenhoff), rechtswissenschaftliche (Sebastian Krujatz, Reto Mantz) und medienwissenschaftliche Arbeiten (Vilém Flusser).

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#Siggenthesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter

Als Klaus Mickus mich auf der Future Publish 2016 in Berlin ansprach, ob ich nicht Interesse daran hätte, mit ihm und Constanze Baum eine Art ‚Think Tank‘ zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter zu organisieren, da er gerade „Eine Woche Zeit“ gewonnen habe, war ich gleich Feuer und Flamme. Zu häufig verlieren wir uns im Wissenschafts-, Bibliotheks- oder Verlagsalltag in kleinen Kämpfen, es erschien mir sehr sinnvoll, mich einmal intensiv mit KollegInnen auszutauschen, mit denen man nicht erst das Ob der Digitalisierung diskutieren muss, sondern über das Wie sprechen kann. Tatsächlich erwies sich die Woche im Seminarzentrum Siggen als sehr anregend, wie Kollege Ben Kaden auf dem LIBREAS-Weblog berichtet.

Insbesondere freut es mich, dass wir unsere Siggener Debatten zu zehn #Siggenthesen verdichten konnten, die auf dem Redaktionsblog von Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erstveröffentlicht wurden und dort unterzeichnet und kommentiert werden können. Die Thesen lauten wie folgt:

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