Der DFB und der wichtigste Schiedsrichter der Welt. Eine Erinnerung an John Blankenstein - aus gegebenem Anlass

Seit ein paar Wochen ist das deutsche Fußball-Schiedsrichterwesen nicht aufgrund seiner guten Leistungen, sondern aufgrund der Ereignisse um den inzwischen von allen DFB-Ämtern zurückgetretenen ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter und zuletzt als DFB-Schiedsrichtersprecher tätigen Manfred Amerell in den Schlagzeilen. Unstrittig scheint, dass das deutsche Schiedsrichterwesen bis heute im Sinne einer klassischen Burschen- und Männerseilschaft organisiert ist, so dass die Beförderung einzelner Referees durch Protégés zumindest möglich war. Diese Strukturen sollen nun massiv verändert werden - gut und Punkt.
Problematisch und für die DFB-Verantwortlichen offenbar delikat wird es nun in der Angelegenheit Manfred Amerell vs. Michael Kempter. Der junge Bundesliga-Schiri Kempter behauptet, sein ‚Ziehvater’ Amerell habe ihn sexuell belästigt; Amerell wiederum stellt fest, er sei bisexuell und beide hätten über eine längere Zeit ein mehr als freundschaftliches Verhältnis geteilt; Kempter erklärt wiederum im Interview, er sei definitiv nicht homosexuell. Die ganze Angelegenheit ist natürlich ein gefundenes Fressen für den Boulevard, werden Homo-/Bisexualität, Abhängigkeitsverhältnisse, Unwahrheit, Belästigung und Fußball hier doch zu einer unschönen Melange verquirlt, die wiederum das alte Vorurteil zu bestätigen scheint, dass bei ‚den Schwulen’ doch immer auch Unterdrückung, Lüge und Gewalt eine Rolle spielten.
Ich musste bei vielen journalistischen Beiträgen der letzten Wochen an den bekennend schwulen Schiedsrichter John Blankenstein aus den Niederlanden denken, dem mein Kollege Gerd Dembowski in einem Text mit dem Titel Der wichtigste Schiedsrichter der Welt ein postumes Denkmal gesetzt hat. Gerd als Moderator und ich als Übersetzer aus dem Niederländischen haben John bei einigen Veranstaltungen im Kontext der Reihe Homophobie im Fußball begleitet, was uns beide nachhaltig beeindruckt hat.
Man würde sich wünschen, dass auch in Deutschland ein Schiedsrichter schon vor längerer Zeit offen zu seiner Homo- oder Bisexualität gestanden hätte; Blankensteins Erklärung für sein Outing ist so stringent wie traurig:
„Es ist sowieso jeder gegen den Schiedsrichter, so macht es nichts aus, wenn er zusätzlich schwul ist. Ein Schiedsrichter hat keine Fans.” Blankenstein hat, trotz aller Anfeindungen und Enttäuschungen, die ihm sein Outing brachte, noch immer auf internationalem Niveau pfeifen können; als er 2006 viel zu früh an einer schweren Nierenkrankheit starb, wurde vor dem Spiel zwischen Roda JC Kerkrade und ADO Den Haag ihm zu Ehren eine Gedenkminute abgehalten. Bleibt zu hoffen, dass die strukturellen Änderungen im Schiedsrichterwesen des DFB erstens die Unabhängigkeit der Referees von einzelnen Bewertern erhöhen und zweitens der burschenschaftliche Korpsgeist aufgebrochen wird, auf dass wir vielleicht bald einen deutschen Blankenstein kennen und schätzen lernen.

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