Helden der Arbeit (3): Die TSG Hoppenheim
Natürlich hat der Klassenkampf noch niemals so funktioniert, wie sich Charly Marx ihn einst idealtypisch erdacht hat - und heute werden viele Ausschlussverfahren und Ausbeutungsverhältnisse, die natürlich noch immer in zahllosen Formen wirksam werden, unter verschiedenen medialen Oberflächen und vordergründigen Distinktionen verborgen. Sonst könnte die liberale Partei in Zeiten der Wirtschaftskrise wohl kaum auf massive Zuwächse hoffen.
Spannend wird es aber gerade dann, wenn die ökonomischen Unterschiede und die daraus resultierenden (weiten bzw. eingeschränkten) Optionen deutlich zu Tage treten. Konkret: Heute spielt der VfL Bochum bei der TSG Hoffenheim, die im vergangenen Jahr Herbstmeister der Fußball-Bundesliga wurde und von großen Teilen der Presse mit überbordendem Enthusiasmus gepriesen wurde, als hätten Mäzen und Milliardär Dietmar Hopp aus Heidelberg sowie Coach und ‚Fußballprofessor’ Ralf Rangnick aus Backnang den Fußball neu erfunden.
Nun, man sollte nicht vergessen, dass die TSG Hoffenheim zwar einerseits in beeindruckender Weise seit 1990 bis 2008 aus der Kreisliga bis in die Bundesliga marschiert ist, dass sie jedoch andererseits in dieser Zeit auf die generöse Unterstützung ihres Mäzen vertrauen konnte (der in seinem Softwareunternehmen SAP übrigens jede gewerkschaftliche Mitbestimmung massiv bekämpft hat, was ich als nicht wirklich gemeinnützig bewerten würde). Die TSG Hoffenheim hat - nach transfermarkt.de - alleine in den in den Jahren 2007 bis 2010 insgesamt 46 Millionen Euro an Ablösesummen bezahlt und nur 150.000 Euro an Einnahmen durch Spielerverkäufe erzielt. Unter den Verpflichtungen sind mit Simunic (7,0 Mio. Euro), Carlos Eduardo (7,0), Obasi (5,0), Beck (3,2) und Ba (3,0) für teures Geld eingekaufte Stammkräfte, die die Hälfte der aktuellen Mannschaft stellen (hinzu kommt noch der kostenlos eingekaufte, aber im Gehalt recht teure Ex-Nationaltorwart Timo Hildebrand).
Daneben gelangen der sportlichen Leitung unter Ralf Rangnick mit Ibisevic (1,0), Compper (0,2) und Weis (0,15) immerhin drei günstige Entdeckungen, die inzwischen zu Nationalspielern arrivierten - das ist zweifelsohne eine wirklich große Leistung. Zugleich sollte jedoch nicht geschwiegen werden über die Ausgaben für die Spieler Wellington (4,5), Zuculini (4,6), Maicosuel (4,5) und Nilsson (1,9), die bislang noch keinen angemessenen Gegenwert für die 15,5 Millionen Euro gaben, die sie zusammen kosteten.
Das Vermögen des Vereins-Mäzen Dietmar Hopp inklusive seiner Stiftung wird nach Internet-Quellen auf 6,3 Milliarden Euro beziffert. Selbst wenn Hopp diese Ablösesummen in Höhe von 46 Millionen Euro in den letzten drei Jahren komplett selbst finanziert hätte, so wäre dies im Verhältnis dasselbe, als wenn ein Angestellter, der monatlich 2000 Euro netto verdient, davon im Monat 14,60 Euro für den Verein ausgeben würde, also noch weniger, als die Sitzplatzkarten für die durchschnittlichen zwei Heimspiele im Monat einen TSG Hoppenheim-Fan kosten würden.
Interessant wird das Ganze aber nun, wenn man diese Zahlen beispielsweise mit jenen des VfL Bochum vergleicht, der im Gegensatz zur TSG Hoppenheim gerade seine 34. Bundesligasaison absolviert:
Der Vfl Bochum hat in den vergangenen zehn (!) Jahren laut transfermarkt.de 20,4 Millionen Euro für Spielertransfers ausgegeben und gleichzeitig 20,6 Millionen Euro aus Spielerverkäufen erwirtschaftet. So mussten in dieser Zeit die Torschützenkönige bzw. Torjäger Gekas (4,7 Mio./Leverkusen/beim VfL zuletzt 20 Tore), Christiansen (2,0/Hannover/21 Tore) und Hashemian (2,0/FC Bayern/16 Tore) sowie die Mittelfeldregisseure Freier (3,5/Leverkusen) und Bastürk (4,5/Leverkusen) verkauft werden, während Hoppenheim bislang keinen einzigen Leistungsträger aus finanziellen Gründen abgeben musste.
Es soll und darf nun gar nicht darum gehen, eine undifferenzierte Neid-Debatte zu führen und Dietmar Hopp zu einer virtuellen Zielscheibe für verbale Angriffe oder Aggressionen von Vertretern eines ‚wahren Fußballs’ zu machen - schließlich ist die Fußballbundesliga ein millionenschweres Business, in dem jede ‚Authentizität’ immer schon eine inszenierte ist. Vielmehr erscheint es mir wichtig, die Leistungen dieses Vereins realistischer einzuschätzen. Und natürlich ist ein solcher Durchmarsch von der Kreis- bis in die Bundesliga bravourös, auch die Entdeckung von Spielern wie Ibisevic, Compper und Weis ist eine große Leistung. Aber man muss eben auch die zur Verfügung stehenden Mittel und die zahlreichen Flops sehen, die sich andere Vereine in dieser Form nicht leisten dürften (im Hoppenheimer Kader sind Spieler für 15,5 Mio., die kaum eine Einsatzchance haben).
Die aktuelle Stammtruppe der Bochumer hat übrigens (laut transfermarkt.de) zusammen nur 5,65 Millionen Euro an Ablöse gekostet und wiegt somit weder einen einzelnen Simunic noch einen einzelnen Carlos Eduardo auf: Heerwagen (-) - Pfertzel (0,5), Maltritz (-), Yahia (0,8), Fuchs (1,2) - Dabrowski (-), Johansson (0,4), Freier (1,1), Epalle (0,5) - Sestak (0,75), Klimowicz (0,5). Erstaunlich, dass es dem VfL im vergangenen Jahr gelang, gleich mit 3:0 in Hoppenheim zu gewinnen…
Nachtrag um 17.30 Uhr: Das diesjährige Duell endete 3:0 für Hoppenheim. Das ist den Verhältnissen wohl angemessen… Wann aber, so fragt man sich, wird endlich ein Lied vom Ende des Kapitalismus gepfiffen?























