Zwischen Geistesarbeit und Aschenbrödeltum: Die Professionalisierung der Autorschaft zwischen 1800 und 1933. Eine Rezension für IASLonline

Seit dem 12.4. ist meine Rezension des Buches Autorschaft. Eine kurze Sozialgeschichte der literarischen Intelligenz in Deutschland zwischen 1860 und 1930 von Rolf Parr (Heidelberg: Synchron, 2008) auf IASLonline zu lesen. Parrs Buch zeigt unter anderem, dass es höchst problematisch ist,

„in aktuellen Debatten um das Urheberrecht und das ›geistige Eigentum‹ mit dem Autor zu argumentieren, dessen Rechte es zu schützen gelte. Die Suggestion, dass – angesichts der Möglichkeiten der digitalen Kopie – nur mit dem bestehenden Urheberrecht und einer Bewahrung des Mediums Buch der Fortbestand hochklassiger Literatur zu gewährleisten sei, impliziert die Unterstellung, dass Buchautoren im Regelfall vom Ertrag ihrer urheberrechtlich geschützten Werke gut leben konnten. Parrs Buch macht jedoch deutlich, dass selbst viele heute kanonisierte Autoren zu einer ›Mischkalkulation‹ gezwungen waren. Bereits in der Gutenberg-Galaxis gestalteten sich somit die Bilder der Autorschaft und ihre Verdienstwege widersprüchlich – und die meisten ›Geistesarbeiter‹ schrieben damals aus einem ›Aschenbrödeltum‹ heraus, das heute als ›junges Medienprekariat‹ wiederkehrt, was die gegenwärtige Situation natürlich keineswegs schöner macht.“

„Zwei Kreative unterwegs” & „Zwischen Pott und Metropole”. Zwei Videoclips zu “Europa erlesen: Ruhrgebiet”

Inzwischen sind auf der Webseite 2010lab.tv zwei Videoclips online gegangen, die anlässlich der Präsentation der von Florian Neuner und mir herausgegebenen Anthologie Europa erlesen: Ruhrgebiet in der Heinrich-Heine-Buchhandlung in Essen am Viehofer Platz aufgenommen wurden. Der längere Clip trägt den Titel Zwischen Pott und Metropole und erzählt unter anderem davon, welche Eigenschaften des Ruhrgebiets von jenen, „die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, gar nicht als Differenz zu anderen Räumen erfahren werden.”
Das 2010lab.tv schreibt dazu: Weiterlesen »

Zwischen Plagiat und Intertextualität: Helene Hegemann und die Literatur in der Wissensgesellschaft nach der digitalen Revolution

Die medialen Effekte der digitalen Revolution sind immens – und werden in den kommenden Dekaden noch weitere radikale Folgen mit sich bringen. Wie normal uns heute bereits eine mediale Umgebung mit all ihren Möglichkeiten erscheint, die vor 23 Jahren noch mühsam vom Fernsehen erschlossenen werden musste und wie eine Szene aus einem Science Fiction wirkte, ist kaum zu glauben. Die Verbindung einer Schreibmaschine mit einem PC wurde als Revolution gefeiert, die Speicherkapazität einer CD-Rom noch in Konversationslexika-Bänden aufgerechnet, ein schnurloses Telefon kostete 1700 Mark und der Moderator sprach von einer ‚Tastatatur’… Doch sehen Sie selbst, wie es bei der Computermesse CEBIT ´87 aussah:

Dieses Video werde ich bald als Ausgangspunkt eines Vortrags verwenden, den ich in Göttingen halten werde. Die Folgen der digitalen Revolution für das Feld der Literatur werden nämlich auf der von Heinz Ludwig Arnold, Matthias Beilein, Claudia Stockinger und Simone Winko organisierten Konferenz Wertung, Kanon und die Vermittlung von Literatur in der Wissensgesellschaft thematisiert, auf der ich am Sonntag, 7.2., um 14 Uhr, zum Thema Wer hat Angst vor Goethes Pagerank? Die digitale Distribution von Literatur und die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets sprechen werde. Weiterlesen »

Online-Petition zu Open Access - das Kind mit dem Bade?

Vor einiger Zeit habe ich mich ausführlich mit den Folgen des digitalen Zeitalters für die Literatur, die Wissenschaft und ihre Veröffentlichungspraxis beschäftigt und einige Resonanz auf meinen Kulturrevolutionären Appell erhalten. Aktuell gewinnt das Thema weitere Brisanz, da dem Deutschen Bundestag die Petition Wissenschaft und Forschung - Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen vorgelegt worden ist, die den Bundestag davon überzeugen will,

“dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen.”

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Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Wir erleben seit einigen Jahren den Beginn eines digitalen Zeitalters, das bereits weitreichende Folge für alle anderen Medien - wie Buch, Fernsehen, Fotografie - hat und in Zukunft noch größere haben wird. Als Literaturwissenschaftler und Autor hat mich in den vergangenen Monaten geärgert, wie einerseits die ‘Netzenthusiasten‘ im Sinne einer naiven Utopie suggerieren, dass mit einem neuen Medium wie dem Internet zugleich auch alles besser werde, und wie andererseits die Verteidiger der analogen Medienwelt so tun, als könne man dem digitalen Zeitalter entweichen und irgendwie doch noch den medialen Status quo bewahren.

Viele meiner liebsten, klügsten und besten Kolleginnen und Kollegen aus der literaturwissenschaftlichen Welt haben in letzterem Sinne den Heidelberger Appell unterzeichnet, den wiederum seine Online-Kritiker als “haarsträubend wie gefährlich” (Matthias Spielkamp) oder auch “feudalistisch” (Peter Glaser) brandmarken. Wenn man sich mit einzelnen Appell-Unterzeichnern ausführlicher unterhält, wird schnell deutlich, dass die dichotomische Gegenüberstellung von Buch versus Internet, geistigem Eigentum versus digitaler Kopie, Freiheit der Forschung versus Open Access sowie die Verschmelzung von Google und Open Access zu einem gemeinsamen Feind auch von vielen Unterzeichnern selbst kritisch gesehen wird.

Tatsächlich mag der Heidelberger Appell mit seinen starken und unversöhnlichen Thesen wichtig gewesen sein, um in den aktuellen Debatten mit Getöse auch die (im Medienverbund ansonsten bereits zu schwachen?) Stimmen der Literaten und Literaturwissenschaftler erklingen zu lassen. Wohin aber soll uns das in the long run führen? Schließlich beschäftigt uns alle schon in der Gegenwart nicht die Frage, ob wir die Buchkultur oder die digitalen Medienangebote nutzen, sondern wie wir diese beiden Optionen sinnvoll miteinander verbinden bzw. nebeneinander stellen. Dies scheint mir die eigentliche und zukunftsträchtige Frage zu sein.

Aus diesem Grunde habe ich für die jüngste Ausgabe der von den Literaturwissenschaftlern und Professor/inn/en  Jürgen Link (Dortmund), Rolf Parr (Bielefeld) und Marianne Schuller (Hamburg) herausgegebenen Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (Heft 57, Oktober 2009: mit dem Schwerpunkt “Warum kein Widerstand?” ohnehin sehr interessant!) einen längeren Aufsatz mit dem Titel Das Internet und die digitale Kopie als Chance und Problem für die Literatur und die Wissenschaft. Über die Verabschiedung des geistigen Eigentums, die Transformation der Buchkultur und zum Stand einer fehlgeleiteten Debatte geschrieben (zum Download des Aufsatzes als PDF bitte auf den Aufsatztitel klicken! Ich danke David Link für die grafische Gestaltung!). Darin unternehme ich - vor dem Hintergrund des historischen und medientheoretischen Wissens der kulturwissenschaftlichen Germanistik - den Versuch, die Buchkultur und die digitale Welt in ihren Stärken und Schwächen miteinander zu versöhnen und die durch den Heidelberger Appell evozierte dichotomische Debatte zu differenzieren. Konkret versuche ich zu zeigen,

  • warum der Heidelberger Appell eine überfällige Debatte verhindert;
  • warum Medienumbrüche schon immer ein diskursives Ereignis waren und die aktuellen Debatten um das Internet im historischen Rückblick auf die Durchsetzung des Buchzeitalters gar nicht so neu sind;
  • dass der Begriff des ‘geistigen Eigentums’ heute obsolet ist und nur noch als rhetorischer Kampfbegriff genutzt wird;
  • inwiefern Buchverlage, Wissenschaftler und ‚Geistesaristokraten’ (auch) als Besitzstandswahrer agieren;
  • dass der Kampf gegen die Vorherrschaft Googles notwendig ist;
  • warum ein neues Urheberrecht und Open Access wichtig sind;
  • welche Chancen und Probleme das Internet und die digitale Kopie für die Literatur und die Wissenschaft mit sich bringen.

Die historischen Betrachtungen und die Differenzierung der Gegenwart münden schließlich in einen Kulturrevolutionären Appell, benannt nach dem Publikationsort und dem erhofften Effekt des Beitrags, der wie folgt aussieht:

“Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

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Conference report: Collective Creativity (Sydney/Australia, July 2009)

From July, 23rd to 26th, I have been to Sydney/Australia, to the Sydney German Studies Symposium 2009 on Collective Creativity, organized by Gerhard Fischer and Florian Vaßen, where I met colleagues from Germany like Rolf G. Renner and Inge Stephan and colleagues from abroad like Axel Fliethmann, Ulrike Garde, Alison Lewis, Andrew McNamara or Christiane Weller. The conference report, which I collaborated on, has meanwhile been put online on h-soz-kult.

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Downloads: …und draußen tobt die Dunkelziffer. Kathrin Röggla im Gespräch

Kathrin Röggla gewann zuletzt u.a. den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch (2005) und den Preis der SWR-Bestenliste (2004), zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen abrauschen (1997), irres wetter (2000) und wir schlafen nicht (2004). 2006 wurde sie mit ihrem Stück draußen tobt die dunkelziffer zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen, das sich mit Privatinsolvenzen und Schuldnerberatungen beschäftigt. Aus diesem Grunde führte ich für die Festivalzeitschrift Stück für Stück ein Interview mit ihr, das unter dem Titel Eine interessante Krise. Kathrin Röggla im Gespräch über kapitalistische Knoten, subversive Strategien und antisemitische Ausdrücke erschien. Darin äußerst sie sich auch über die - allerdings eingeschränkte - Aktualität der Marxistischen Kapitalismuskritik:

Schon Marx hat eine Tendenz zur Monopolisierung im Kapitalismus beschrieben, und da liegt er ja heute ganz richtig. Allerdings denke ich nicht teleologisch, zum Beispiel im Sinne einer sich notwendig ergebenden gerechteren Welt, aber auch nicht in dem Sinne, dass der Kapitalismus nur eine zyklische Krise erlebt und gestärkt hervorgeht. Diese Krise zu beschreiben interessiert mich, sowie die Widerstandskämpfe, die sich natürlich ständig verändern.

Das gesamte Interview kann nun abgerufen werden (Quelle: Stück für Stück 7/2006, S. 3). Auf der rechten Seite findet sich das Interview, auf der linken Seite eine Zusammenfassung der Publikumsdiskussion über das Stück.

Downloads: Ingeborg Bachmann: Mit dem Gesicht auf der brennenden Herdplatte

Zu Ingeborg Bachmanns 80. Geburtstag lud mich die Redaktion von jetzt.de ein, für die nachwachsende Leserschaft der Süddeutschen Zeitung ein kleines Portrait der großen Autorin zu schreiben. Somit erfreute ich mich noch einmal an einigen Texten der Namensgeberin des Ingeborg-Bachmann-Preises, durch dessen strenge Inszenierungen der deutschsprachige Literaturnachwuchs jährlich zurechtgequetscht wird. Besondere Freude macht mir noch immer ihr Roman Malina:

In Malina erzählt eine weibliche Ich-Erzählerin, die zwischen den Männern Ivan und Malina steht, vom Scheitern ihrer Bemühungen, innerhalb der Ordnungsmuster einer von Männern beherrschten Welt eine eigene Identität zu entwickeln. Am Ende heißt es: ‚Ich muß aufpassen, daß ich mit dem Gesicht nicht auf die Herdplatte falle, mich selber verstümmle, verbrenne, Weiterlesen »

Downloads: Die Erfindung des geistigen Eigentums. Ein Vortrag zur aktuellen Debatte um das Urheberrecht

Im August 2008 verfasste ich einen Abstract für einen Vortrag über das Verhältnis von Bildung und Urheberrecht um 1800, den ich auf einer Konferenz der altehrwürdigen Leuvener Universität zum Thema Matters of State: Bildung and Literary-Intellectual Discourse in the Nineteenth Century halten wollte. Damals ahnte ich noch nicht, dass die deutschen Feuilletons und die Geisteswissenschaften heute - ausgehend vom sog. Heidelberger Appell vom März 2009 - in heftigste Auseinandersetzungen über die Bewahrung versus Modifikation des Urheberrechts, die Möglichkeiten versus Probleme des Internets und das Ende versus die Transformation der Gutenberg-Galaxis eingetreten wären. Wie erfreulich, dass wissenschaftliche Vorträge manchmal eine aktuelle Relevanz erhalten können - und dass meine Beschäftigung mit einem der ‘Erfinder’ des ‘geistigen Eigentums’ und somit indirekt des Urheberrechts, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), einen direkten Beitrag zur Debatte liefern kann.
Meinen 26minütigen Vortrag habe ich am 24. April 2009 in Leuven gehalten, er kann als

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Der Vortrag zeigt, dass man es sich zu leicht macht, wenn man angesichts der sich radikal wandelnden Medienverhältnisse unter Negierung der digitalen Möglichkeiten einfach für die Beibehaltung des rechtlichen und medialen Status quo wirbt. Noch problematischer wird es zudem, wenn man sich auf Fichte als den scheinbaren intellektuellen Garanten eines Beweises der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks (bzw. heute ihrer Digitalisierung) beruft. Sowohl bei Fichte als auch in den aktuellen Debatten um das Urheberrecht ist immer alles komplizierter als man zunächst glauben mag. Aus meiner Fichte-Lektüre leite ich u.a. die folgenden drei Ergebnisse ab:

Erstens konnte gezeigt werden, dass die Erfindung des geistigen Eigentums bei Johann Gottlieb Fichte auf der Unterscheidung von frei flottierenden, kommunizierten Gehalten von Büchern einerseits und einem nicht-kommunizierbaren Spezialwissen einer als ‘Black Box’ zu denkenden Autorfigur andererseits basiert. Aus einer literaturtheoretischen Perspektive der Gegenwart ist diese Unterscheidung obsolet, spätestens seit Roland Barthes und Michel Foucault Ende der 1960er Jahre programmatisch den Tod bzw. die Relativierung der Autorfigur bzw. -funktion ausgerufen haben. [...] Es kann also bezweifelt werden, ob sich das ‘geistige Eigentum’ heute überhaupt noch begründen lässt Weiterlesen »

Downloads: Elfriede Jelinek kriecht unter dem Bilderschrott hervor. Ein Interview

Elfriede Jelinek ist Literaturnobelpreisträgerin und gewann 2002 und 2004 den Mülheimer Dramatikerpreis Stücke. 2006 konnte ich bei den Mülheimer Theatertagen für die Festivalzeitung Stück für Stück - gemeinsam mit Natalie Bloch - ein Interview mit ihr führen, das unter dem Titel ‚Unter dem Bilderschrott hervorkriechen’. Elfriede Jelinek im Gespräch über das Verhältnis von Schrift und Bild, parodierte Selbstgerechtigkeit und die Waffe, die den Schreiber erschießt erschien. Darin erklärt sie, was der Mensch in der postmodernen Medienwelt überhaupt noch sein kann:

Jeder Individualismus ist schon lange obsolet, spätestens seit Beckett, wird aber auf dem Theater immer noch gern gekauft und gesehen: Individuelles Handeln ist längst Illusion geworden (…). Vielleicht besteht ja die Freiheit darin, unter dem Bilderschrott hervorzukriechen? Weiterlesen »