Bericht aus Brüssel (4): Belgien übernimmt die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union - doch wie lange wird es Belgien noch geben?

In wenigen Tagen, ab dem 1. Juli 2010, wird Belgien die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernehmen - allerdings in seiner größten Krisenphase der letzten Dekaden. Bizarrerweise lassen sich die aktuellen Probleme Belgiens auch auf etliche Grundsatzfragen der Europäischen Union selbst beziehen, die sich als höchst fragiles und diffiziles politisches Gebilde - idealiter - um die Herstellung von Einheit unter größtmöglicher Bewahrung von Vielheit bemüht. Die sprachlichen, politischen und ökonomischen Kulturen der EU-Mitgliedsstaaten sind so verschieden, dass es mitunter selbst für interessierte und weltoffene Köpfe äußerst schwer ist, schon die politische Kultur des jeweiligen Nachbarlandes halbwegs zu verstehen. Als Deutscher, der nun schon seit einigen Jahren in Brüssel lebt, kann ich beispielsweise über die mediale Panik, die das neue deutsche Fünf-Pateien-System (neben SPD, Union, Grünen und FDP hat sich Die Linke etabliert) oder die jüngste Ankündigung, dass Nordrhein-Westfalen eine Minderheitsregierung erhalten werde, nur müde schmunzeln. In Belgien sind die Verhältnisse schon seit Jahren deutlich komplexer und unüberschaubarer, dennoch besteht dieser Staat inzwischen auch bereits 180 Jahre.

Belgien und sein multilinguales und komplexes politisches System

In den letzten Jahren mehren sich allerdings die Stimmen, die ein Ende des belgischen Staates beschreien, denn die unterschiedlichen Sprachengruppen - vor allem die niederländischsprachigen Flamen und die französischsprachigen Wallonen - hätten sich mehr und mehr auseinanderentwickelt. Während ich beispielsweise die weltoffene Vielsprachigkeit der Einwohner Luxemburg immer wieder mit Begeisterung erlebe, stehen sich diese beiden sehr auf sich selbst fixierten Sprachgemeinschaften Belgiens immer feindlicher gegenüber, wobei auch das offiziell zweisprachige Brüssel und die kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten des Landes die immer tieferen Gräben zwischen Flamen und Wallonen kaum mehr zuschütten können. Doch dazu später mehr, gönnen Sie sich - so Sie sich noch nicht in der ebenso faszinierenden wie absurden sprachlichen und politischen Struktur Belgiens auskennen - eine kleine und größtenteils sehr zutreffende Dokumentation:

Die jüngsten Regierungskrisen in Belgien seit 2008

Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen hat sich nun in den letzten Jahren unter anderem in einem ständigen Scheitern der föderalen Regierungen niedergeschlagen, deren Bildung sich bereits als sehr schwierig erwies, da das gesamte Parteispektrum (Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberale und Grüne etc.) jeweils in einer flämischen und einer wallonischen Version existieren und es daneben noch einige wechselhaft erfolgreiche nationalistische bzw. rassistische bzw. separatistische Parteien gibt (Nieuw-Vlaamse Alliantie und Vlaams Belang auf flämischer Seite). Nachdem Belgien zwischen 1981 und 2008 mit Wilfried Martens, Jean-Luc Dehaene und Guy Verhofstadt nur drei Premierminister benötigte, traten in den letzten beiden Jahren gleich drei Premierminister (2008: Yves Leterme I, 2009: Herman Van Rompoy, 2010: Yves Leterme II) aus sehr unterschiedlichen Gründen aus dem Amt. Die durch den letzten Rücktritt des Flamen Leterme, der anstelle der belgischen Nationalhymne „Brabançonne” auch schon einmal gerne die französische „Marseillaise” sang, ausgelöste Krise sollte nun durch die jüngsten Wahlen am 13. Juni 2010 gelöst werden.

Flämische Separatististen und wallonische Sozialdemokraten als Sieger der Wahlen vom 13. Juni 2010 - eine paradoxe Ausgangssituation für die Regierungsbildung

Das Votum der Belgier hat den Staat jedoch erneut in eine nahezu paradoxe Situation geführt Weiterlesen »

„Die bislang beste Ruhrgebiets-Anthologie“

Vor drei Monaten erschien der von Florian Neuner und mir herausgegebene Sammelband Europa erlesen: Ruhrgebiet – und bislang sind wir über die Reaktionen auf unser Buch sehr erfreut! Heute erschien beispielsweise eine Rezension in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, in der Jens Dirksen unseren Band hervorhebt, denn es handele sich um
„die bislang beste Ruhrgebiets-Anthologie. (…) Die Spannbreite umfasst (…) ungewöhnlich viele Jahrhunderte, die Auswahl ist so sorgfältig wie originell.”
Daneben schaffte es der Band bereits auf die Aufmacherseite des Feuilletons der Frankfurter Rundschau; Christian Thomas schrieb dort am 27.1.2010 über
„eine literarische Anthologie, in der sich die Beschaffenheit einer Region verdichtet. Geistige Topografie könnte hier nicht stärker zerklüftet sein, zwischen Selbstzerknirschung und Größenwahn. (…) Ruhrgebiet, und das ist doch wirklich angemessen, wird (…) auf mentalen Reichtum alliterarisiert.”
Und es gibt noch weitere positive Rezensionen: Weiterlesen »

Deutschlandbilder: Missglückte Multilingualität

Dafür sind deutsche Reisende im Ausland berüchtigt: Dass sie sich sich lautstark in Dinge einmischen, die sie besser nicht interessieren sollten. Hier machen sie aus einem völlig korrekten niederländischen ‚Dank U’ ein deutsches ‚Danke’, weil sie sich offenbar nicht vorstellen können, dass neben dem Deutschen es auch andere Sprachen gibt.Brüssel, Redaktionsräume der Tageszeitung De Morgen, Oktober 2004

Brüssel, Redaktionsräume der Tageszeitung De Morgen, Oktober 2004

Pierre Legendre und die Zivilisation des Interpreten

Während die Namen von Deleuze, Derrida oder Foucault an den deutschen Universitäten inzwischen äußerst geläufig sind, sind andere französische Denker von Gewicht noch nahezu unbekannt. Vom 79jährigen Psychoanalytiker und Rechtshistoriker Pierre Legendre liegen in deutscher Übersetzung bislang nur wenige Schriften vor, am bekanntesten wurde seine kurze Abhandlung Die Fabrikation des abendländischen Menschen. Mit seiner ‘dogmatischen Anthropologie’ entwickelt Legendre ein Theoriegebäude, dessen große Thesen ebenso faszinierend sind wie auch zum Widerspruch und Weiterdenken anleiten. Zentral stehen in seinem Werk die Macht der Schriftzeichen und die Reflexion über Gesetz und Gesetzgeber, die erst den abendländischen Menschen produzieren:

“Den Menschen zu fabrizieren, heißt ihm die Grenze anzugeben. Weiterlesen »

Multilingual Interventions. The Position of Literary German in Multilingual Belgium and Luxembourg

In der vergangenen Woche war ich auf der Konferenz (Multi-)lingual interventions. A comparative view on contemporary migration literature in Scandinavia and the Benelux, die an der Universiteit Gent stattfand und von Prof. Dr. Wolfgang Behschnitt organisiert wurde. Ich sprach dort zum Thema Minor Literatures? The Position of Literary German in Multilingual Belgium and Luxembourg, setzte mich dabei kritisch mit dem Konzept der littérature mineure von Gilles Deleuze und Félix Guattari auseinander und präsentierte Lektüren von Texten von Roger Manderscheid und Freddy Derwahl.

Für 2010 ist nun die Veröffentlichung eines Bandes geplant, der die unterschiedlichen literarischen Auseinandersetzungen mit Identität, Sprache und Migration in Skandinavien und den BeNeLux-Ländern komparatistisch untersuchen wird. Mehr dazu hoffentlich im kommenden Jahr!

Das Buch: Europa erlesen: Ruhrgebiet

In dieser Woche werde ich - gemeinsam mit dem Mitherausgeber Florian Neuner - das frisch erschienene Buch Europa erlesen: Ruhrgebiet in Essen (27.10., Heinrich-Heine-Buchhandlung) und in Bochum (30.10., Haus der Geschichte des Ruhrgebiets) präsentieren. Wir freuen uns sehr, dass der Wieser Verlag uns diese Veröffentlichung anvertraut hat, und sind mit den 68 von uns ausgewählten Texten von Autoren wie Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Eckhard Henscheid, Richard Huelsenbeck, Thomas Kapielski, Alexander Kluge, Georg Kreisler, Ferdinand Kriwet, Eva Kurowski, Jürgen Link, Waltraud Seidlhofer, Dezső Tandori, Walther von der Vogelweide, Wolfgang Welt u.v.a.m. vollauf zufrieden. Weiterlesen »

Conference report: Collective Creativity (Sydney/Australia, July 2009)

From July, 23rd to 26th, I have been to Sydney/Australia, to the Sydney German Studies Symposium 2009 on Collective Creativity, organized by Gerhard Fischer and Florian Vaßen, where I met colleagues from Germany like Rolf G. Renner and Inge Stephan and colleagues from abroad like Axel Fliethmann, Ulrike Garde, Alison Lewis, Andrew McNamara or Christiane Weller. The conference report, which I collaborated on, has meanwhile been put online on h-soz-kult.

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Downloads: “Vlaanderen - een inburgeringscursus” (Passa Porta Festival 2009)

Vorig weekend heeft de tweede editie van het Passa Porta Festival in Brussel plaats gevonden en achtduizend bezoekers aangetrokken. Op dit festival mocht ik - als lid van de ‘masterclass’ Vers bloed - mijn eerste literaire lezing in het Nederlands geven. Het programma werd gepresenteerd door Hai-Chay Jiang en Benno Barnard, onder de toeschouwers was onder meer Carlo Van Baelen, de directeur van het Vlaams Fonds voor de Letteren. Als documentatie van onze werken en ons optreden vinden jullie op deze pagina

De kwaliteit van de video- en audiobestanden is weliswaar niet optimaal maar ze geven een goede indruk van de tekst. Bedankt bij alle Vers bloeders, Passa Porta en mijn vriendinnen en vrienden voor de steun! Meer over Nederlandstalige publicaties en projecten volgt hopelijk binnenkort op deze pagina!

“Vers bloed” op het Passa Porta Festival in Brussel

Op zondag 29 maart 2009 zal het grootste literatuurfestival van Brussel doorgaan: bijna 100 schrijvers treden in meer dan 10 talen aan in een 80-tal programma’s. Mijn integratieproces in Vlaanderen gaat intussen al zo ver dat ik als één van “zes nieuwe Vlaamse auteurs” van de groep “Vers bloed“, gepresenteerd door Benno Barnard en gesteund door het internationaal literatuurhuis Passa Porta in Brussel, voor de eerste keer mijn Nederlandstalige literatuur kan presenteren.

Onze lezing op dit festival, waar onder meer ook Jeroen Brouwers, Saskia De Coster, Eva Cox, Carlos Fuentes, Kristien Hemmerechts, Ramsey Nasr, Catherine Millet, Harry Mulisch, Elvis Peeters, Péter Nádas, Jeroen Olyslaegers, Ingo Schulze, Geert Van Istendael, David Van Reybrouck, Juan Gabriel Vásquez, en Zoé Valdés optreden, vindt om 14.30 uur in het Literair Salon van de Hoofdstedelijke Openbare Bibliotheek aan het Muntplein (Koninginnestraat 23) plaats. Ik zal een kort stuk uit mijn project “Vlaanderen. Een inburgeringscursus” presenteren. Hier al een stukje vooraf:

(…) Ik ben een Duitser in België. Ik vertegenwoordig geen maatschappelijk probleem. Weiterlesen »

Bericht aus Brüssel (3): Gefährliche Pflaster

Jüngst las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass die Diebstahlstatistik aller europäischen Hauptstädte souverän von Brüssel angeführt wird, was mich - zugegebenermaßen - noch nicht einmal verwunderte…

Brüssel kommt auf 11,2 Diebstähle pro 1000 Einwohner, die zweitplatzierte Stadt London auf gerade mal 8,8, in Berlin sind es nur 1,8. Dafür liegt Brüssel wiederum weltweit auf den letzten zehn Plätzen, was Morde und körperliche Gewalt angeht. Wenn ich die Wahl hätte, Weiterlesen »