„Wikipedia is nix?“ Digitales Wissen in der Wissenschaft. Ergänzende Anmerkungen zu einem Interview für DRadioWissen

Inwiefern darf man aus digitalen Medien wie der Wikipedia in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren? Welchen Status haben digitale Medien in der Wissenschaft überhaupt? Zu diesen aktuellen Fragen habe ich vor kurzem Andrea Heinze in der Sendung „Mein Studium“ von DRadioWissen (Ergänzung vom 21.2.2014: Nach dem Relaunch von DRadio Wissen ist die Seite zur Sendung leider nicht mehr verfügbar, Sie können das Interview aber an anderer Quelle anhören) ein achteinhalbminütiges Interview gegeben (ein großer Luxus, dass sich Radiosender heute noch eine solche Interviewlänge erlauben, danke dafür!). Da einerseits das Format des Telefoninterviews auf Prägnanz angewiesen ist und ich andererseits den noch immer sehr starken ‚internetkritischen‘ Diskursen in den meisten Qualitätsmedien ein paar deutliche Thesen entgegen stellen wollte, nutze ich dieses Blogposting, um meine Interview-Aussagen zu ergänzen und zu differenzieren.

Richtig zitieren aus Buch- und Internetquellen: Medienkompetenz ist der Schlüssel

Zunächst möchte ich noch einmal kurz meine Kernthesen aus dem Interview wiederholen: Beim Verfassen wissenschaftlicher (Haus-)Arbeiten steht die Medienkompetenz zentral, sehr verschiedene Quellen zu einem jeweiligen Themenfeld recherchieren, bewerten, auswählen und ggf. sinnvoll zitieren zu können. Dies war schon in der sog. ‚Gutenberg-Galaxis‘ so, in der mit hochwertigen wissenschaftlichen Reihen einerseits und subjektiven Meinungsäußerungen oder im Selbstverlag herausgegebenen Büchern andererseits sehr verschiedene Pole zitabler Texte existierten. In digitalen Medien finden wir nun erstens zahllose digitalisierte Texte der ‚Gutenberg-Galaxis‘, zweitens jedoch spezifische Texturen, die so nur im World Wide Web entstehen können, wie beispielsweise interaktive Postings in Weblogs oder die Beiträge einer kollaborativ geschriebenen freien Enzyklopädie wie der Wikipedia. Grundsätzlich handelt es sich daher bei der Bewertung von papiernen oder digitalen Quellen für die wissenschaftliche Textproduktion um, so meine Formulierung im Interview, „eine mediale Verschiebung eines Problems, das Sie auch früher schon hatten.“

Die simplifizierende binäre Schematisierung ‚hochwertige Papierquellen‘ vs. ‚minderwertige Onlinequellen‘ muss also differenziert werden. Um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen: Es ist bereits mehrfach gezeigt worden, dass die Einträge von noch immer als wissenschaftlich hochwertig und ‚objektiv‘ bewerteten Lexika und Enzyklopädien beispielsweise zu einem Begriff wie „Zigeuner“ in hohem Maße ideologisiert und stigmatisierend gestaltet worden sind [siehe Fußnote 1]. Im Gegensatz dazu ermöglicht beispielsweise die Wikipedia eine hilfreiche  Transparenz, sie markiert politisch umstrittenes Wissen, wenn um Passagen in Beiträgen anhaltend gerungen wird, denn „[w]ir haben so etwas wie eine Versions-/Verlaufsgeschichte, ich kann also bei jedem Artikel – anders als früher beim Brockhaus – in die Entstehungsgeschichte hineinschauen: Wie viele Menschen aus der Community haben eigentlich daran mitgearbeitet? An welcher Stelle im Text gab es wann Veränderungen? Welche Teile des Textes stehen schon länger online, sind also […] ‚sakrosankt‘ innerhalb der Community? Dieser Blick hinter die Kulissen der Textproduktion“ kann Studierenden bei der Bewertung der Quellenqualität helfen. Redakteurin und Interviewerin Andrea Heinze fasste somit meine Position wie folgt zusammen: „Wikipedia nutzen für Seminararbeiten ist unter Umständen in Ordnung.“

Digitales Wissen in der Wissenschaft: Von Potenzialen und Problemen

Nun wäre es aber wichtig, und hiermit bewegen wir uns jenseits des optimistischen Interviews, diese Umstände näher zu bestimmen. Daher werde ich mich nun ein wenig mit den praktischen Umständen beschäftigen, unter denen Studierende darüber nachdenken, Wikipedia als wissenschaftliche Quelle zu zitieren. Hier erscheinen mir vier Probleme wichtig:

1. Die digitale Verbreitung und Präsenz textlichen Wissens in Verbindung mit einer intensiven Internetnutzung im Alltag hat zu einer größeren Bequemlichkeit der Studierenden bei der Literaturrecherche geführt. Ärgerlicherweise erhält man – trotz aller gegenteiligen Hinweise – gerade von StudienanfängerInnen erste Hausarbeiten, in denen das Literaturverzeichnis primär aus schwachen Internetquellen besteht. Erfreulich ist das nicht.

2. Die aktuelle Studierendengeneration hat in der Schule noch im Regelfall vor allem mit gedruckten Texten gearbeitet und in gedruckten Büchern, Papierkopien oder Ausdrucken Markierungen vorgenommen. Das führt zur widersprüchlichen Situation, dass den Studierenden zwar einerseits immer mehr (digitales) Wissen zur Verfügung steht, dieses im konkreten Lektüreprozess jedoch meist nicht ausreichend durchdrungen wird, weil sich die Studierenden im Regelfall noch an Verfahren der Textmarkierung und -kommentierung in digitalen Medien gewöhnen müssen. Dieses Problem werden spätere Generationen nicht mehr haben, stört aber aktuell die konkrete Arbeit.

3. In der Wissenschaft wird aktuell noch um die Wertigkeit digitaler Veröffentlichungen gerungen, zumal (in den Geisteswissenschaften) die hochwertigen wissenschaftlichen Reihen und Magazine noch vor allem in der gedruckten Textwelt beheimatet sind (wobei auch diese nahezu komplett aus digitalen Vorlagen erzeugt wird). Zudem müssen die Wissenschaften (vor allem die Geisteswissenschaften) erst noch lernen, mit den nummerischen Bewertungsverfahren, kollektiven Autorschaften und der Versionierung von Texten in digitalen Medien (die es allesamt auch schon im Papierzeitalter gab, aber nicht in dieser Intensität und Bedeutung) angemessen umzugehen, da diese Verfahren der Wissensproduktion mit vielen Grundannahmen des wissenschaftlichen Publizierens in der ‚Gutenberg-Galaxis‘ brechen (klar benennbare Urheberschaft von Texten; eine eingeschränkte Versionierung von Texten; geheime und anonymisierte Begutachtungssysteme; Textpublikation erst nach Fertigstellung des gesamten Projekts etc.).

4. Die spezifische Frage nach der Wertigkeit der Wikipedia als wissenschaftliche Quelle ist eigentlich schwierig zu beantworten, da in wissenschaftlichen Arbeiten üblicherweise Primär- und Forschungsliteratur, jedoch nur vereinzelt Enzyklopädien und Handbücher zitiert werden, die – wenn überhaupt – für die recherchierende Annäherung an ein Themenfeld genutzt werden. Das führt mitunter zu der studentischen Fehleinschätzung, ein Referat, das in weiten Teilen einen Wikipedia-Beitrag zitiert, sei ein angemessener wissenschaftlicher Beitrag, wo es sich doch nur um eine unangemessene (und womöglich auch noch unwissenschaftliche) Form eines Plagiats handelt – ein Wiki-Eintrag kann immer nur ein Element eines viel größeren Feldes recherchierter Texte sein, wenn er denn überhaupt qualitativ ausreichend ist (diese Einschätzung gilt allerdings in ähnlicher Form für die Nutzung des Brockhaus als Quelle wissenschaftlicher Forschung).

5. Mit der Wikipedia hat sich im World Wide Web eine kollektiv produzierte Wissensplattform etabliert, die voraussichtlich auf Dauer noch hochwertiger wird. Momentan muss man leider an vielen Stellen noch vorsichtig sein: Mein eigener Eintrag in der Wikipedia enthält noch zwei sachliche Fehler und ob ich als „Schriftsteller“ am besten rubriziert bin, darüber kann man auch streiten. Ich bin allerdings sehr glücklich, dass die Community mich bereits rubriziert hat – von manchen Kollegen weiß ich, dass sie aus ihrem Umfeld ihre Beiträge haben verfassen lassen, um anschließend die Wikipedia als minderwertige Wissensplattform zu bewerten. Es gibt also weiterhin viel Arbeit im Bereich ‚Qualitätssicherung‘ der Wikipedia zu leisten – wir werden sehen, ob die Community das hinbekommt.

6. Sehr berechtigt sind in den letzten Jahren einige prominente Promotions-Plagiatsfälle entlarvt worden. Kollaborative Rechercheplattformen wie GuttenPlag oder VroniPlag mit ihren teilweise anonymen MitarbeiterInnen haben dabei als wissenschaftsexterne Instanzen zumeist verlässliche Ergebnisse produziert, die funktionierende wissenschaftliche Institutionen im Sinne der akademischen Selbstkontrolle schon selbst längst hätten vorgelegt haben müssen.

Von dieser Problematik noch einmal zu trennen ist das Problem vieler Studierender in den ersten Semestern, wie die Entwicklung eigener Argumentationen und Erkenntnisse einerseits von fremdem Wissen andererseits formal korrekt zu trennen ist. Die Alltagserfahrung einer MashUp- oder Remixkultur im World Wide Web lässt für Studierende diese Trennung noch ‚künstlicher‘ erscheinen, was wir leider in (zu) vielen Hausarbeiten dokumentiert bekommen und tatsächlich ein großes Problem geworden ist. Dieser Punkt ist zugleich ein gutes Beispiel, das die Potenziale der digitalen Wissensdistribution zugleich auch bereits bestehende Probleme verschärfen.

7. Selbstverständlich thematisiere ich diese Potenziale und Probleme des digitalen Wissens in der wissenschaftlichen Arbeit auch in meinen Seminarsitzungen. In einem chronisch unterfinanzierten Universitätssystem, in dem einerseits immer mehr Studierende auf der Basis einer andererseits immer schlechteren Ausstattung zum Studienabschluss gebracht werden sollen, stoßen diese Bemühungen jedoch zwangsläufig an ihre grenzen. Gemeinsam mit meinen KollegInnen Prof. Dr. Rolf Parr und Dr. Corinna Schlicht von der Universität Duisburg-Essen habe ich daher zumindest einzelne Hinweisdateien für Studierende zu diesen Fragen bereitgestellt.

Das heißt: Der digitale Medienwandel wird auch weiterhin das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben ändern, wobei er Potenziale und Probleme mit sich bringt. In zwanzig Jahre, davon bin ich sehr überzeugt, wird der Prozess zur wissenschaftlichen Veröffentlichung anders aussehen als heute, Begriffe wie Kollaboration, Transparenz und Präsenz werden dann eine deutlich größere Rolle spielen. Im MA-Studiengang „Literatur und Medienpraxis“ an der Universität Duisburg-Essen, in der „AG Potenziale digitaler Medien in der Wissenschaft“ der Global Young Faculty III und an vielen anderen Stellen werden wir diese Prozesse auch wissenschaftlich begleiten. Mehr dazu in der nächsten Zeit an dieser Stelle…

Fußnote 1

Vgl. die Beiträge von Anja Lobenstein-Reichmann, Ramona Mechthilde Treinen und Herbert Uerlings sowie den Sammelband von Anita Awosusi: Herbert Uerlings/Iulia-Karin Patrut (Hg.): „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation, Inklusion, Exklusion. Frankfurt 2008, S. 589-629, 631-696; Anita Awosusi (Hg.): Stichwort: „Zigeuner“. Zur Stigmatisierung von Sinti und Roma in Lexika und Enzyklopädien. Heidelberg 1998.

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Nach dem geistigen Eigentum? Digitale Literatur, die Literaturwissenschaft und das Immaterialgüterrecht

Mit Mitteln des Rektorats der Universität Duisburg-Essen aus dem Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses habe ich einen Workshop organisiert, der verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und Praktiker der digitalen Medien zusammenbringen wird.

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Er zielt darauf ab, verschiedene Geschäftsmodelle digitaler Autorschaft (für die Felder Journalismus, Literatur und Wissenschaft) herauszuarbeiten und zu diskutieren, den Blick auf das Verhältnis des bestehenden Urheberrechts zu verschiedenen Entwicklungen der Literatur in digitalen Medien zu weiten sowie danach zu fragen, ob es sich bei journalistischen, literarischen und wissenschaftlichen Texten letztlich nicht doch um sehr spezifische kulturelle Artefakte handelt. Als Sprecherinnen und Sprecher sind eingeladen: Dirk von Gehlen (Süddeutsche Zeitung, München), Klaus-Peter Böttger (EBLIDA/Stadtbibliothek Essen), Prof. Dr. Katharina de la Durantaye (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Hermann Cölfen (Universität Duisburg-Essen), Dorothee Graf (Universitätsbibliothek Duisburg-Essen), Matthias Spielkamp (iRights.info, Berlin) und Dorothee Werner (Börsenverein des Dt. Buchhandels, Frankfurt/Main).

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Ausführlichere Informationen finden Sie auf der Workshop-Webseite http://www.uni-due.de/ndge. Der Workshop wird gestreamt über das Weblog http://blogs.uni-due.de/digitur/ und auf der Plattform unseres Medienpartners iRights.info. Sie können gerne Fragen oder Kommentare twittern, das Hashtag lautet #ndge. Die Teilnahme ist kostenlos, melden Sie sich aber bitte möglichst frühzeitig und spätestens bis zum 8. Januar 2014 unter Angabe Ihres Namens und Ihrer institutionellen Anbindung bei Katharina Graef an, da der Platz begrenzt ist: ndge@uni-due.de. Texte der studentischen Webredaktion des Studiengangs Literatur und Medienpraxis zum Workshop finden Sie auf http://blogs.uni-due.de/digitur/.

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Die Potenziale digitaler Medien in der Wissenschaft

Erfreulicherweise bin ich in den dritten Jahrgang der Global Young Faculty aufgenommen worden, einem Projekt von MERCUR, der Stiftung Mercator und der Universitätsallianz Metropole Ruhr. Hier bin ich Mitglied und Sprecher der interdisziplinären AG Potenziale digitaler Medien in der Wissenschaft. Bis Frühjahr 2015 werden wir in verschiedenen Gruppen- und Einzelprojekten (Schulungen, Studien, Lehrprojekte, Konferenzen, Weblogs etc.) die Potenziale digitaler Medien für die Wissenschaft erproben. Die AG beschreibt ihre Ziele wie folgt:

Die Entwicklung digitaler Medien hat die Art und Weise, in der wissenschaftliche Erkenntnisse erzeugt, verbreitet, wahrgenommen und genutzt werden, grundlegend verändert. Dies betrifft zum einen die Öffentlichkeit, für die der Zugang zu wissenschaftlichen Informationen deutlich einfacher geworden ist. Zum anderen haben sich im digitalen Zeitalter auch Forschung und Lehre an den Universitäten verändert. So ergeben sich für Studierende und Lehrende neue Möglichkeiten des wissenschaftlichen Lernens und Lehrens. Zudem können Wissenschaftler/innen ihre Forschungsergebnisse auf neuen Wegen der Öffentlichkeit zugänglich machen, wie z. B. durch Open-Access-Publikationen oder digitale, intermediale, nicht-lineare oder interaktive Textsorten (z.B. mit Wissenschaftsblogs, Videoclips oder virtuellen Museen und Archiven).

Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe (mit Vertretern/innen aus Englischdidaktik, Germanistik, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Landschaftsarchitektur, Philosophie und Psychologie) beschäftigt sich mit den Potenzialen, die das Web 2.0 für die Vermittlung, Produktion und Rezeption wissenschaftlichen Wissens birgt. Aus Perspektive der verschiedenen Disziplinen werden konkrete Szenarien zur produktiven und kreativen Nutzung digitaler Medien in Forschung und Lehre erarbeitet. Mittels unterschiedlicher methodischer Zugriffe werden auf der theoretischen, empirischen und praktischen Ebene schwerpunktmäßig die folgenden Themenfelder behandelt: 1) Wissenschaftliches Lernen mit digitalen Medien, 2) digitales Publizieren in der Wissenschaft und 3) die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens in die Gesellschaft.

Die Arbeitsgruppe erarbeitet a) theoretische Auseinandersetzungen mit den Herausforderungen und Chancen digitaler Medien für die Wissenschaft, b) empirische Studien zum wissenschaftlichen Lernen mittels digitaler Medien bzw. zur Nutzung neuer Textformate in der Wissenschaftsvermittlung sowie c) Konferenzen, Workshops und die praktische Erprobung innovativer Formate der digitalen Lehre. Dabei hat sie sich zum Ziel gesetzt, am Ende der interdisziplinären Zusammenarbeit aus der Perspektive von Nachwuchswissenschaftlern/innen Empfehlungen an Politik und Gesellschaft zur Nutzung digitaler Medien in der Wissenschaft zu formulieren.

Mit mir in der AG sind die folgenden Kolleginnen und Kollegen:

  • Dr. Peter Brössel (Institut für Philosophie II, Fakultät für Philosophie und Erziehungswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum)
  • Jun.-Prof. Dr. Tim Güneysu (Sichere Hardware, Horst-Görtz Institut für IT-Sicherheit, Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik, Ruhr-Universität Bochum)
  • Jun.-Prof. Dr. Petra Kersting (Institut für Spanende Fertigung, Fakultät Maschinenbau, Technische Universität Dortmund)
  • Prof. Dr. Katja Laurischkat (Institut Product and Service Engineering, Fakultät für Maschinenbau, Ruhr-Universität Bochum)
  • Prof. Dr. Michael Roth (Landschaftsplanung, insbesondere Landschaftsinformatik, Fakultät Landschaftsarchitektur, Umwelt- und Stadtplanung, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen)
  • Jun.-Prof. Dr. Eva Wilden (Englisches Seminar, Fakultät für Philologie, Ruhr-Universität Bochum)
  • Dr. Stephan Winter (Sozialpsychologie – Medien und Kommunikation, Abteilung Informatik und Angewandte Kognitionswissenschaften, Fakultät für Ingenieurwissenschaften, Universität Duisburg-Essen)
  • Dr. Tim Zeiner (Gruppe Bioseparations, Lehrstuhl für Fluidverfahrenstechnik, Fakultät für Bio- und Chemieingenieurwesen, Technische Universität Dortmund).

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Das ‚Werk‘ und seine ‚Versionen‘: DRadio Wissen dokumentiert Tutzinger Vortrag

Auf Einladung des Direktors der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn, habe ich auf dem Symposium „Eine neue Version ist verfügbar“ gesprochen, das sich insbesondere mit Dirk von Gehlens gleichnamigem Crowdfunding-Buchprojekt beschäftigt hat. Mein Vortrag „Das ‚Werk‘ und seine ‚Versionen‘. Zum (un)abgeschlossenen Status des Texts aus Sicht der Literaturwissenschaft“ beschäftigt sich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zunächst mit den theoretischen Hintergründen des Projekts und versucht sich dann an einer ersten Analyse, inwiefern das #ENVIV-Projekt als Crowdfunding- und als Crowdsourcing-Projekt funktioniert hat – oder inwiefern es problematische oder widersprüchliche Seiten hat.

DRadio Wissen und die Kooperative Berlin haben den Vortrag freundlicherweise dokumentiert:

Vortrag von Dr. Thomas Ernst: "Das 'Werk' und seine 'Versionen'"

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Am Ende der Gutenberg-Galaxis und im Angesicht der ‚Netzintellektuellen‘: Günter Grass inszeniert noch einmal den ‚universellen Intellektuellen’

Unter dem Titel Vom universellen zum vernetzten Intellektuellen. Die Transformation einer politischen Figur im Medienwandel von der Literatur zum Internet habe ich gemeinsam mit dem Kollegen Dirk von Gehlen im September 2009 einen Beitrag für den Band Leitmedien veröffentlicht, in den wir wie folgt einführen:

„Im Februar 2000 erschien im Satiremagazin Titanic unter dem Titel Deutschland, Deine Dichter! eine Bild-Text-Collage, auf der Schwedens König Carl Gustav und Günter Grass, beide im Frack, bei der Überreichung des Literatur-Nobelpreises im Jahre 1999 an Günter Grass abgebildet sind. Sie reichen sich die Hand und verbeugen sich leicht voreinander. Doch während Grass euphorisch ‚Vielen, vielen Dank!‘ sagt, grummelt der schwedische König: ‚Laß endlich los, is´schon Februar.‘
Diese Collage spielt mit der allgemeinen Annahme, dass literarische Intellektuelle noch immer eine öffentliche Bedeutung beanspruchen, deren Zeit schon längst abgelaufen ist.“

Die aktuelle Debatte um Günter Grass‘ Gedicht Was gesagt werden muss ist aus dieser Perspektive wie eine postmortale Inszenierung des ‚universellen Intellektuellen‘ zu verstehen, die allerdings eine erstaunlich große Resonanz erhält. Das Arrangement ist erwartbar: Einflussreiche Medien (zunächst am 4.4.2012 El Paìs, La Repubblica und die Süddeutsche Zeitung) geben einem Denker, der sich auf dem literarischen Feld symbolisches Kapital erworben hat (im Fall Grass u.a. den Nobelpreis als höchste literarische Auszeichnung), die Gelegenheit, sich öffentlich zu einer politischen Frage zu äußern. Dieser nutzt zwar eine literarische Gattung (Lyrik), sein Text weist allerdings weniger literarästhetische Qualitäten als vielmehr die Form der politischen Rede auf.

Schon die Ankündigung des Textes in der Süddeutschen Zeitung scheint sich eher auf eine politische Meinungsäußerung als auf ein lyrisches Werk zu beziehen: „Günter Grass warnt […] vor einem Krieg gegen Iran. In seinem Gedicht […] fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen.“ Folglich kann Christoph Sydow auf Spiegel Online unter dem Titel So falsch liegt Günter Grass das Gedicht in acht politische Thesen ‚übersetzen‘, die „im Faktencheck“ auf ihre Richtigkeit hin kontrolliert werden (Ergebnis: drei Thesen sind richtig, zwei falsch, drei unklar bzw. unentscheidbar). Die literarische Form regrediert hier zur weder innovativen noch anspruchsvollen Camouflage einer ‚gewagten‘ politischen Äußerung. (mehr …)

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Zum Tode Gary Moores: Ein beachtliches Plagiat

Am vergangenen Sonntag ist der Gitarrist und Sänger Gary Moore verstorben, der insbesondere mit seinem Song Still Got the Blues (1990) weltweite Erfolge feierte. Während der Text des Liebeslieds nun wirklich nicht als originell bezeichnet werden kann („So many years since I’ve seen your face / but here in my heart there’s an empty space where you used to be“), bestach das Lied durch seine musikalischen Qualitäten und insbesondere durch einige Gitarrensoli. Es ist allerdings viel zu wenig bekannt, dass es sich dabei um ein beachtliches Plagiat handelt, das 2008 auch gerichtlich als solches erkannt und bewertet wurde.
Ursprünglich verfasste Jürgen Winter diese Sequenz für das Lied Nordrach, das er ab 1974 mit seiner Krautrock-Band Jud’s Gallery nicht wirklich erfolgreich der Öffentlichkeit präsentierte. Doch sehen Sie selbst (ab 5:24 wird es relevant):

Zum Vergleich können Sie sich auch eine Live-Aufnahme von Gary Moores nur scheinbarer Originalversion von 1990 ansehen. Bemerkenswert ist an diesem Beispiel allerdings, dass Moore mit seiner Kopie ein weitaus größerer Erfolg beschieden war als Jud’s Gallery mit ihrem Original. Was heißt das nun für die Wichtigkeit des kunstvollen Kopierens im Bereich der Musik?

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Der Journalismus, die Lobbyisten und die Wahrheit

Eine funktionierende Demokratie lässt sich nicht denken ohne eine freie und unabhängige ‚vierte Gewalt‘, die sich in Deutschland insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk organisiert hat. Nachdem allerdings die Posse um die Nicht-Verlängerung des Vertrags von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender offen gelegt hat, dass zumindest dieser Sender eindeutig unter parteipolitischen Einflüssen steht, zeigen die immer wieder aufgedeckten Fälle von Schleichwerbung die Verstrickung von kommerziellen Interessen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk.
Dieses problematische Verhältnis zeigte sich jüngst wieder im Nachgang zu einem fein aufklärerischen Beitrag der satirischen ‚heute-show‘ des ZDF. Deren Reporter Martin Sonneborn, zugleich Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, den Pharmalobbyisten Peter Schmidt (Pro Generika) um ein Interview gebeten, das „nach Möglichkeit in einer der ‚heute‘-Sendungen, bevorzugt im ‚heute-journal‘, platziert“ werden solle. Indem er nun gerade jene Stellen veröffentlicht, die in der üblichen journalistischen Praxis dem Schnitt zum Opfer fallen („Nein, das möchte ich ungerne sagen, deswegen habe ich auch abgebrochen.“), trägt er gerade durch diese Verletzung journalistischer Grundregeln so etwas wie ‚Wahrheitsfindung‘ bei. Doch sehen Sie selbst:

Es überrascht nun nicht, dass ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut Schmidts Beschwerde gegen diese Praxis zum Anlass nahm, Sonneborn fortan das Operieren mit dem ‚heute‘-Level zu untersagen. Beschwerden der Pharmaindustrie, als einem der großen ZDF-Werbekunden, werden selbstverständlich ernst genommen. Peter Schmidt hat übrigens, wenngleich aus vorgeblich anderen Gründen, seinen Job verloren.

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Zwischen Geistesarbeit und Aschenbrödeltum: Die Professionalisierung der Autorschaft zwischen 1800 und 1933. Eine Rezension für IASLonline

Seit dem 12.4. ist meine Rezension des Buches Autorschaft. Eine kurze Sozialgeschichte der literarischen Intelligenz in Deutschland zwischen 1860 und 1930 von Rolf Parr (Heidelberg: Synchron, 2008) auf IASLonline zu lesen. Parrs Buch zeigt unter anderem, dass es höchst problematisch ist,

„in aktuellen Debatten um das Urheberrecht und das ›geistige Eigentum‹ mit dem Autor zu argumentieren, dessen Rechte es zu schützen gelte. Die Suggestion, dass – angesichts der Möglichkeiten der digitalen Kopie – nur mit dem bestehenden Urheberrecht und einer Bewahrung des Mediums Buch der Fortbestand hochklassiger Literatur zu gewährleisten sei, impliziert die Unterstellung, dass Buchautoren im Regelfall vom Ertrag ihrer urheberrechtlich geschützten Werke gut leben konnten. Parrs Buch macht jedoch deutlich, dass selbst viele heute kanonisierte Autoren zu einer ›Mischkalkulation‹ gezwungen waren. Bereits in der Gutenberg-Galaxis gestalteten sich somit die Bilder der Autorschaft und ihre Verdienstwege widersprüchlich – und die meisten ›Geistesarbeiter‹ schrieben damals aus einem ›Aschenbrödeltum‹ heraus, das heute als ›junges Medienprekariat‹ wiederkehrt, was die gegenwärtige Situation natürlich keineswegs schöner macht.“

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Zwischen Plagiat und Intertextualität: Helene Hegemann und die Literatur in der Wissensgesellschaft nach der digitalen Revolution

Die medialen Effekte der digitalen Revolution sind immens – und werden in den kommenden Dekaden noch weitere radikale Folgen mit sich bringen. Wie normal uns heute bereits eine mediale Umgebung mit all ihren Möglichkeiten erscheint, die vor 23 Jahren noch mühsam vom Fernsehen erschlossenen werden musste und wie eine Szene aus einem Science Fiction wirkte, ist kaum zu glauben. Die Verbindung einer Schreibmaschine mit einem PC wurde als Revolution gefeiert, die Speicherkapazität einer CD-Rom noch in Konversationslexika-Bänden aufgerechnet, ein schnurloses Telefon kostete 1700 Mark und der Moderator sprach von einer ‚Tastatatur’… Doch sehen Sie selbst, wie es bei der Computermesse CEBIT ´87 aussah:

Dieses Video werde ich bald als Ausgangspunkt eines Vortrags verwenden, den ich in Göttingen halten werde. Die Folgen der digitalen Revolution für das Feld der Literatur werden nämlich auf der von Heinz Ludwig Arnold, Matthias Beilein, Claudia Stockinger und Simone Winko organisierten Konferenz Wertung, Kanon und die Vermittlung von Literatur in der Wissensgesellschaft thematisiert, auf der ich am Sonntag, 7.2., um 14 Uhr, zum Thema Wer hat Angst vor Goethes Pagerank? Die digitale Distribution von Literatur und die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets sprechen werde. (mehr …)

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Online-Petition zu Open Access – das Kind mit dem Bade?

Vor einiger Zeit habe ich mich ausführlich mit den Folgen des digitalen Zeitalters für die Literatur, die Wissenschaft und ihre Veröffentlichungspraxis beschäftigt und einige Resonanz auf meinen Kulturrevolutionären Appell erhalten. Aktuell gewinnt das Thema weitere Brisanz, da dem Deutschen Bundestag die Petition Wissenschaft und Forschung – Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen vorgelegt worden ist, die den Bundestag davon überzeugen will,

„dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen.“

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