Fußball als Kunst und der Homo ludens

Zeiten der Krise können auch Zeiten der grundsätzlichen Reflexion sein - und der Fußballsport steht den öffentlichen Debatten über Leistungsdruck, Depressionen, Spielsucht und Wettskandale momentan sehr ohnmächtig gegenüber. Mir lief in den letzten Tagen zufällig ein kleiner Videoclip über den Weg, der mich noch einmal an meine naive kindliche Fußballleidenschaft erinnerte, die die komplexen Probleme der realen Welt so unwichtig erschienen ließ.

Die herausragende Szene des Films Werner Beinhart (1990), der mit seinen 5,5 Millionen Besuchern bis heute einer der erfolgreichsten deutschen Filme ist, ist das legendäre Fußballspiel zwischen dem 1.FC Süderbrarup und Holzbein Kiel, das allerdings nicht im Stadion ausgetragen wird, sondern auf einem Marktplatz. Doch schauen Sie selbst (und verpassen Sie nicht die wunderbaren Zeilen: “Ich guck noch mal in die Flasche, wie spät das ist.” und “Mit schwarzen Punkten? Ischa merkwürdig!”)!

Wenn ein Merkmal der historischen Avantgarde die Dekonstruktion der kulturellen Alltagsgrammatik durch das künstlerische Spiel war: Ist das nicht Avantgarde? Und ist dann Polizist Bruno mit seinem Satz: “Halt, der Ball ist verhaftet!” nicht ein Agent der bösen Macht, die resignifiziert gehört? Und wäre es eigentlich denkbar, dass eine solche Befreiung des Homo ludens nicht nur im Zeichentrick, sondern auch real stattfände?

Nun, vor kurzem berichtete die Süddeutsche Zeitung über Remi Gaillard, einen Clown, der sich am Fernsehen rächt, der seinen Job als Schuhverkäufer verlor und seither als ebenjener Homo ludens reüssiert, der in Werners Welt der 1990er Jahre nur im Zeichentrick funktioniert. Das Internet macht es möglich, dass Gaillard - dessen Motto C’est en faisant n’importe quoi qu’on devient n’importe qui! (Indem man irgendetwas macht, wird man irgendwer!) lautet - heute ein Portal pflegt, auf dem er seine Videos zum kostenlosen Download anbietet - und darüber seine Berühmtheit erlangt hat. Doch sehen Sie selbst:

In Ordnung: Sowohl bei Werner Brösel als auch bei Remi Gaillard funktioniert das Spiel nur als eine Faszination an der penetrativen Ballflugschneise - die sexistischen Motive werden in beiden Filmen kaum verleugnet, pfui! Aber gleichzeitig lassen uns beide Filme ahnen, was der Fußballsport und auch unser Alltag einmal hätten sein können, bevor sich Joseph Blatter und Angela Merkel der Sache angenommen haben: Spielerisch, lustig und schön.

“Ich bin ein kleiner Junge und werde immer einer bleiben”, erklärt Gaillard im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Ja, möchte man rufen, so lange die Türen der Polizeiwachen und Ministerien noch offen stehen und wir noch einen Ball haben, ist noch nichts verloren. Anstoß!

Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Wir erleben seit einigen Jahren den Beginn eines digitalen Zeitalters, das bereits weitreichende Folge für alle anderen Medien - wie Buch, Fernsehen, Fotografie - hat und in Zukunft noch größere haben wird. Als Literaturwissenschaftler und Autor hat mich in den vergangenen Monaten geärgert, wie einerseits die ‘Netzenthusiasten‘ im Sinne einer naiven Utopie suggerieren, dass mit einem neuen Medium wie dem Internet zugleich auch alles besser werde, und wie andererseits die Verteidiger der analogen Medienwelt so tun, als könne man dem digitalen Zeitalter entweichen und irgendwie doch noch den medialen Status quo bewahren.

Viele meiner liebsten, klügsten und besten Kolleginnen und Kollegen aus der literaturwissenschaftlichen Welt haben in letzterem Sinne den Heidelberger Appell unterzeichnet, den wiederum seine Online-Kritiker als “haarsträubend wie gefährlich” (Matthias Spielkamp) oder auch “feudalistisch” (Peter Glaser) brandmarken. Wenn man sich mit einzelnen Appell-Unterzeichnern ausführlicher unterhält, wird schnell deutlich, dass die dichotomische Gegenüberstellung von Buch versus Internet, geistigem Eigentum versus digitaler Kopie, Freiheit der Forschung versus Open Access sowie die Verschmelzung von Google und Open Access zu einem gemeinsamen Feind auch von vielen Unterzeichnern selbst kritisch gesehen wird.

Tatsächlich mag der Heidelberger Appell mit seinen starken und unversöhnlichen Thesen wichtig gewesen sein, um in den aktuellen Debatten mit Getöse auch die (im Medienverbund ansonsten bereits zu schwachen?) Stimmen der Literaten und Literaturwissenschaftler erklingen zu lassen. Wohin aber soll uns das in the long run führen? Schließlich beschäftigt uns alle schon in der Gegenwart nicht die Frage, ob wir die Buchkultur oder die digitalen Medienangebote nutzen, sondern wie wir diese beiden Optionen sinnvoll miteinander verbinden bzw. nebeneinander stellen. Dies scheint mir die eigentliche und zukunftsträchtige Frage zu sein.

Aus diesem Grunde habe ich für die jüngste Ausgabe der von den Literaturwissenschaftlern und Professor/inn/en  Jürgen Link (Dortmund), Rolf Parr (Bielefeld) und Marianne Schuller (Hamburg) herausgegebenen Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (Heft 57, Oktober 2009: mit dem Schwerpunkt “Warum kein Widerstand?” ohnehin sehr interessant!) einen längeren Aufsatz mit dem Titel Das Internet und die digitale Kopie als Chance und Problem für die Literatur und die Wissenschaft. Über die Verabschiedung des geistigen Eigentums, die Transformation der Buchkultur und zum Stand einer fehlgeleiteten Debatte geschrieben (zum Download des Aufsatzes als PDF bitte auf den Aufsatztitel klicken! Ich danke David Link für die grafische Gestaltung!). Darin unternehme ich - vor dem Hintergrund des historischen und medientheoretischen Wissens der kulturwissenschaftlichen Germanistik - den Versuch, die Buchkultur und die digitale Welt in ihren Stärken und Schwächen miteinander zu versöhnen und die durch den Heidelberger Appell evozierte dichotomische Debatte zu differenzieren. Konkret versuche ich zu zeigen,

  • warum der Heidelberger Appell eine überfällige Debatte verhindert;
  • warum Medienumbrüche schon immer ein diskursives Ereignis waren und die aktuellen Debatten um das Internet im historischen Rückblick auf die Durchsetzung des Buchzeitalters gar nicht so neu sind;
  • dass der Begriff des ‘geistigen Eigentums’ heute obsolet ist und nur noch als rhetorischer Kampfbegriff genutzt wird;
  • inwiefern Buchverlage, Wissenschaftler und ‚Geistesaristokraten’ (auch) als Besitzstandswahrer agieren;
  • dass der Kampf gegen die Vorherrschaft Googles notwendig ist;
  • warum ein neues Urheberrecht und Open Access wichtig sind;
  • welche Chancen und Probleme das Internet und die digitale Kopie für die Literatur und die Wissenschaft mit sich bringen.

Die historischen Betrachtungen und die Differenzierung der Gegenwart münden schließlich in einen Kulturrevolutionären Appell, benannt nach dem Publikationsort und dem erhofften Effekt des Beitrags, der wie folgt aussieht:

“Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

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Conference report: Collective Creativity (Sydney/Australia, July 2009)

From July, 23rd to 26th, I have been to Sydney/Australia, to the Sydney German Studies Symposium 2009 on Collective Creativity, organized by Gerhard Fischer and Florian Vaßen, where I met colleagues from Germany like Rolf G. Renner and Inge Stephan and colleagues from abroad like Axel Fliethmann, Ulrike Garde, Alison Lewis, Andrew McNamara or Christiane Weller. The conference report, which I collaborated on, has meanwhile been put online on h-soz-kult.

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Subversiv Messe Linz (II): Immigration Rights and Copyrights

Weil die Tagesthemen so traurig berichten, fühle ich mich noch zum Verweis auf eine erfrischende Performance verpflichtet, die in Linz in französischer Sprache mit englischer Übersetzung zu sehen war und das strikt gehaltene Einwanderungsrecht mit dem im Sinne der Kulturindustrie freundlichst gebeugten Urheberrecht zusammenführt. Die Performance X and Y versus France ist eine Gemeinschaftsaktion der Künstler und Juristen Patrick Bernier, Olive Martin, Sébastien Canevet, Sylvia Preuss-Laussinotte aus Frankreich. Ein Auszug aus ihrer Projektbeschreibung liest sich wie folgt:

The project evolved out of a short novel written by Patrick Bernier in 2004 entitled A Tale for Creating a Legal Precedent, in which a foreign woman defends her right to reside in France in front of a judge, arguing that she is the co-author, guardian, and performer of an intangible art work.

Considering that French and EU lawmakers are Weiterlesen »

Subversiv Messe Linz (I): Von Kanak Attak bis zur Kommunikationsguerilla und zurück

Da sich unser Sammelband SUBversionen (2008) sowie meine Dissertation über Literatur als Subversion, die 2010 erscheinen wird, mit Konzepten der Subversion befassen, wurde ich kürzlich zur Subversiv Messe nach Linz eingeladen, die im Rahmen des dortigen europäischen Kulturhauptstadtjahres stattfand. Ich habe dort einen kurzen Vortrag über meinen Begriff von Subversion gehalten, mich aber vor allem darüber gefreut, die Projektpräsentationen der wunderbaren Gruppen Ärzte ohne Ängste (D), Autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe (D) mit ihrem Handbuch der Kommunikationsguerilla, Kanak Attak (D), monochrom (A) und Ubermorgen (A/CH/USA) sehen zu dürfen, die ich in jeder Hinsicht nur empfehlen kann.

Dass das mainstreamige ARD-Format Tagesthemen - selbst wenn es einen freundlichen Bericht zeigen will - über nicht eine dieser Gruppen berichtet, sondern wieder mal die eher schnöderen, aber im Redaktionsduktus vermutlich ‚visuell überzeugenderen’ Beiträge subsummiert, sagt einiges über das Medium Fernsehen, in dem die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender sogar eher noch zur Güteklasse gehören.

Wie subversiv ist eigentlich Caren Miosga? Zur Beantwortung dieser Frage schaue man sich folgenden Beitrag an:

Downloads: Die Erfindung des geistigen Eigentums. Ein Vortrag zur aktuellen Debatte um das Urheberrecht

Im August 2008 verfasste ich einen Abstract für einen Vortrag über das Verhältnis von Bildung und Urheberrecht um 1800, den ich auf einer Konferenz der altehrwürdigen Leuvener Universität zum Thema Matters of State: Bildung and Literary-Intellectual Discourse in the Nineteenth Century halten wollte. Damals ahnte ich noch nicht, dass die deutschen Feuilletons und die Geisteswissenschaften heute - ausgehend vom sog. Heidelberger Appell vom März 2009 - in heftigste Auseinandersetzungen über die Bewahrung versus Modifikation des Urheberrechts, die Möglichkeiten versus Probleme des Internets und das Ende versus die Transformation der Gutenberg-Galaxis eingetreten wären. Wie erfreulich, dass wissenschaftliche Vorträge manchmal eine aktuelle Relevanz erhalten können - und dass meine Beschäftigung mit einem der ‘Erfinder’ des ‘geistigen Eigentums’ und somit indirekt des Urheberrechts, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), einen direkten Beitrag zur Debatte liefern kann.
Meinen 26minütigen Vortrag habe ich am 24. April 2009 in Leuven gehalten, er kann als

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Der Vortrag zeigt, dass man es sich zu leicht macht, wenn man angesichts der sich radikal wandelnden Medienverhältnisse unter Negierung der digitalen Möglichkeiten einfach für die Beibehaltung des rechtlichen und medialen Status quo wirbt. Noch problematischer wird es zudem, wenn man sich auf Fichte als den scheinbaren intellektuellen Garanten eines Beweises der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks (bzw. heute ihrer Digitalisierung) beruft. Sowohl bei Fichte als auch in den aktuellen Debatten um das Urheberrecht ist immer alles komplizierter als man zunächst glauben mag. Aus meiner Fichte-Lektüre leite ich u.a. die folgenden drei Ergebnisse ab:

Erstens konnte gezeigt werden, dass die Erfindung des geistigen Eigentums bei Johann Gottlieb Fichte auf der Unterscheidung von frei flottierenden, kommunizierten Gehalten von Büchern einerseits und einem nicht-kommunizierbaren Spezialwissen einer als ‘Black Box’ zu denkenden Autorfigur andererseits basiert. Aus einer literaturtheoretischen Perspektive der Gegenwart ist diese Unterscheidung obsolet, spätestens seit Roland Barthes und Michel Foucault Ende der 1960er Jahre programmatisch den Tod bzw. die Relativierung der Autorfigur bzw. -funktion ausgerufen haben. [...] Es kann also bezweifelt werden, ob sich das ‘geistige Eigentum’ heute überhaupt noch begründen lässt Weiterlesen »

Bericht aus Brüssel (3): Gefährliche Pflaster

Jüngst las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass die Diebstahlstatistik aller europäischen Hauptstädte souverän von Brüssel angeführt wird, was mich - zugegebenermaßen - noch nicht einmal verwunderte…

Brüssel kommt auf 11,2 Diebstähle pro 1000 Einwohner, die zweitplatzierte Stadt London auf gerade mal 8,8, in Berlin sind es nur 1,8. Dafür liegt Brüssel wiederum weltweit auf den letzten zehn Plätzen, was Morde und körperliche Gewalt angeht. Wenn ich die Wahl hätte, Weiterlesen »

Downloads: Falk Richter: Über das System und den Stillstand, Flughafenhotels und Zwiebelschalen

Falk Richter arbeitet als Autor und Theaterregisseur und erhielt u.a. den Hörspielpreis der Deutschen Akademie der Künste. Bekannt wurde er mit Das System (2004, Schaubühne am Lehniner Platz), mit Unter Eis aus diesem Zyklus wurde Richter zu den Mülheimer Dramatikertagen Stücke eingeladen, für dessen Festivalzeitung Stück für Stück ich ihn interviewt habe. Unter dem Titel ‚Ich trete nicht als Richter auf’. Falk Richter im Gespräch über Pop, Fernsehen und den Stillstand stellt er die These auf, dass das Fernsehen heute das ‚real life’ darstellt:

Medien sind in extremer Weise ein Teil unseres Lebens geworden. Fernsehserien werden nicht mehr dem Alltagsleben nachgebildet, sondern das Alltagsleben orientiert sich an den Serien. Ich habe neulich einen Dokumentarfilm gesehen über junge Inder, die in einem Callcenter arbeiten und vorgeben müssen, dass sie US-Amerikaner seien. Die lernen das anhand der Serie ‚Sex and the City’, müssen anhand einer Figur aus der Serie ihre Biografie ausbilden.

Das gesamte Interview kann nun abgerufen werden (Quelle: Stück für Stück 6/2004, S. 3). Auf der rechten Seite findet sich das Interview, auf der linken Seite eine Zusammenfassung der Publikumsdiskussion über das Stück, unter dem possierlichen Titel Zwiebelschalen und Flughafenhotels.

Archiv des laufenden Schwachsinns (1): Überwachung

Duisburg, Straßenbahnlinie 901 Richtung Obermarxloh,

Werbung für die “Maßnahme Einstieg vorn”, ca. 2002