Während sich die Feuilletons und die Boulevardpresse über die “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche oder die Selbstinszenierungsstrategien von ‘Lady Bitch Ray’ echauffieren, wird gerne übersehen, dass das offene Schreiben oder Sprechen über Sexualität und Körperflüssigkeiten nun wirklich keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Einen jüngeren Klassiker zum Thema, der allerdings im Gegensatz zu Roches Buch und ‘Lady Bitch Rays’ Inszenierungen über eine beeindruckende künstlerische Qualität und eine für den Boulevard inkompatible Form politischer Reflexion verfügt, hat Elfriede Jelinek bereits 1989 mit “Lust” vorgelegt.
Erstaunlich, in welch peinlicher Weise die damaligen und ‘natürlich’ männlichen Chefliteraturkritiker (Reich-Ranicki, Karasek, Busche) gegen die tapfere Sigrid Löffler den Text und seine Autorin denunzieren. Doch sehen Sie selbst:
Mir ist noch nicht klar, welcher Moment der peinlichste ist:
Jener, als Jürgen Busche auf Löfflers Satz “Die Sprache ist von Männern besetzt” den Kopf zur Seite wegdreht (Minute 1,13)?
Jener, als Hellmuth Karasek im Versuch, differenziert zu argumentieren, mit seiner Frage “Wie unterscheidet sich die Sprache der Jelinek von dieser männlichen Sprache?” doch wieder in die Differenzfalle tritt?
Oder jener, als Marcel Reich-Ranicki sagt: “…sie erzählt oft sehr gut. Mich interessiert aber eine ganz andere Frage: (…) Wie funktioniert die Psyche einer Frau, die jeden Morgen für zwei oder drei Stunden sich an den Schreibtisch gesetzt hat, um wieder nur den Dreck zu beschreiben, wie eine Frau gequält wird von ihrem Mann?”
Und noch einmal Elfriede Jelinek: Die Literatur-Nobelpreisträgerin erklärt in einem Interview, warum Interviews von Schriftstellerinnen eigentlich dumm sind. Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter. Schon in den 1990er Jahren war es weit gekommen mit der Literatur angesichts ihrer minorisierten gesellschaftlichen Situation. Ungünstig, wenn diejenigen, die Texte rezensieren, lieber plauschen als lesen. Doch lesen Sie selbst:
Ja, das ist eine vertrackte Sache mit den Interviews. Ursprünglich wollte ich einfach den Leuten wirklich was erklären, damit sie meine Sachen besser verstehen sollen, ganz naiv, mit diesem 68er didaktischen Impetus, den wir damals alle draufhatten. Dann habe ich gemerkt, daß das nicht geht, weil Weiterlesen »
Mit zwei Freunden traf ich mich regelmäßig zum Austausch über die Frage, wie man so vorankomme. Ging´s mal schlecht, entwickelten wir Strategien, wie vielleicht dennoch etwas zu produzieren wäre. Irgendwann bei einem solchen Gespräch fiel der Satz: „Nein, das kann ich nicht machen – das würde mich zu sehr aus meiner Schreibkrise reißen!“ Es ist wohl kein Zufall, dass bislang keine unserer Arbeiten beendet worden ist.
Aus: Titanic. Das endgültige Satiremagazin. Heft 8 (2005), S. 42.
Das Buch Popliteraturist inzwischen zu einer Standardeinführung in die deutschsprachige Popliteratur avanciert. Zur ersten Auflage schrieb die Frankfurter Rundschau: „Thomas Ernst bringt die theoretische Domestizierung der Popliteratur auf den Weg.“ Und auch heute noch mag gelten, was der Deutschlandfunk feststellte: „Als Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Pop- und Undergroundliteratur ist das Buch sehr gut geeignet.“ Für nur 8,60 Euro erhält man nicht nur eine Definition der Popliteratur, wie jene aus dem Einleitungskapitel:
Dieses Buch versteht unter Popliteratur eine literarische Entwicklungslinie, die sich im 20. Jahrhundert darum bemühte, Weiterlesen »
Vor kurzem ist der Band SUBversionen. Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart beim transcript Verlag erschienen. Eine Rezension des Deutschlandradio Kultur stellt fest, der Band liefere “pointierte Sichtweisen auf das Thema”, seine Beiträge seien “sehr einsichtig” (Sendung Breitband, 5.7.2008). Auf den Seiten des transcript Verlags können Sie inzwischen das Inhaltsverzeichnis des Bandes und eine Textprobe bzw. das Einführungskapitel downloaden und einsehen. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auch auf diesen Seiten.
Im Einführungskapitel formulieren die HerausgeberInnen Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantó, Sebastian Richter, Nadja Sennewald und Julia Tieke das Ziel des Buches wie folgt: Weiterlesen »
Die Germanistischen Institute der Universitäten Luxemburg und Trier veranstalten in Kooperation mit dem Künstlerhaus Edenkoben vom 5. bis zum 10. Oktober 2008 zum zweiten Mal eine internationale Summer School of Creative Writing, die diesmal in Köln ausgerichtet wird. Grundidee der Summer School ist es, über mehrere Tage hinweg Studierenden unter professioneller Anleitung die Möglichkeit zu kreativen Schreibprozessen zu bieten. In kleinem Kreis werden schriftstellerische Entwürfe erarbeitet, präsentiert und in nächster Nähe mit etablierten Autorinnen und Autoren diskutiert. Als Dozenten decken Natalie Bloch, Thomas Ernst, Christof Hamann, Anja Hirsch, Karlheinz Ott und Theresia Walser die Bereiche Prosa, Drama, Drehbuch und Kritik ab, die wissenschaftliche Begleitung wird von Prof. Dr. Georg Mein (Luxemburg) und Prof. Dr. Franziska Schößler (Trier) übernommen. Sie können sich noch bis zum 31. August 2008 bewerben. Mehr Informationen finden Sie auf den Seiten der Universität Luxemburg.
Jüngst erschien der Sammelband SUBversionen. Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart, der auf einer Tagung basiert, die im Juli 2006 im Künstlerhaus Edenkoben stattfand. Im Vorfeld dieser Tagung gab ich dem freien Radio Z aus Nürnberg ein Interview, das nun zum Download bereitsteht. Darin gibt es auf die Frage, ob heute überhaupt noch wirksame subversive Strategien existieren, die folgende Antwort:
Die Frage ist, über welches Feld man redet und was man überhaupt erreichen will. Wenn man sagt, wir wollen den Kapitalismus abschaffen und Weiterlesen »
Im Wintersemester 2007/08 habe ich an der Universität Trier vier literaturwissenschaftliche Seminare angeboten. In der jeweiligen Abschlusssitzung haben sich die - übrigens zumeist erfreulich motivierten und umgänglichen - Studierenden noch einmal zum Seminarthema positioniert. Ein Studierender äußerte sich beispielsweise über die Legitimationskrise der Literaturtheorien der Gegenwart:
Irritiert hat mich, dass die Literaturtheorien die Tendenz haben, sich selbst abzuschaffen, und dann in einem feierlichen Akt sich selbst wieder zu legitimieren.
Sie können sich zwei- bis vierminütige Auszüge zu den Seminarthemen Literatur als Subversion, Popliteratur und Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts nun anhören, downloaden und für eigene Referate verwenden oder bearbeiten (unter Angabe der Quelle). Entschuldigen Sie bitte die wechselhafte und teilweise schlechte Tonqualität, wir haben mit einer bescheidenen Ausstattung gearbeitet!
Zurzeit bereite ich ein Forschungsprojekt zum Thema ‘Heimat’ und Hybridität vor, zu dem allerdings aktuell noch keine näheren Informationen bereitgestellt werden können. Vertreiben Sie sich vielleicht die Zeit bis dahin mit diesem Schnappschuss aus Mount Abu in Indien - und sinnieren Sie über die Frage, ob das noch ‘Heimat’ oder viel eher schon ‘hybrid’ ist:
Mit kleinen Texten auf große Weise philosophierte Walter Benjamin (1892-1940), was ihm zu Lebzeiten jedoch heftiges Unverständnis bornierter Deutscher einbrachte: Seine Habilitationsschrift musste er zurückziehen, eine Professur trat er folglich im antisemitisch geprägten Deutschland nicht an, 1940 nahm er sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten das Leben.
Zu seinen wichtigsten Texten zählen Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und Das Passagen-Werk. Zu häufig wird leider die kleine Schrift Über Haschisch übersehen, die Protokolle jener Drogenexperimente versammelt, die Benjamin ab den späten 1920er Jahren unter ärztlicher Aufsicht durchführte und deren aufmerksame Lektüre manchen Quatsch der Hippiezeit hätten verhindern können. Benjamins optimistische Ausgangsthese lautet:
„Unliebenswürdigkeit, Rechthaberei und Pharisäertum sind Züge, denen man bei Süchtigen nur selten begegnen wird.“ [S. 60]
In eigenen Experimenten widmet er sich dem Versuch, seine eigenen Charakterzüge durch den Haschischkonsum zu verbessern, was mitunter zu äußerst komischen Bemerkungen führt (die sein Arzt freundlicherweise transkribiert hat):
„Gleichzeitig wird kritisch geäußert, daß die Versuchsbedingungen ungünstig sind. Solch ein Versuch müsse im Palmenwald erfolgen. Im übrigen sei die erhaltene Dosis für B[enjamin] viel zu gering: ein Gedankengang, der im Lauf des Versuchs immer wieder auftaucht und gelegentlich heftigen Unwillen zum Ausdruck kommen läßt.“ [S. 130]
Auf diese Weise kommt Benjamin zu einigen ebenso überraschenden wie amüsanten Feststellungen: Weiterlesen »
14.2.2011, 16 Uhr, Tel Aviv University (Israel), Gilman Building, Drachlis Hall, Konferenz „Germany and its Neighbors - Borders, Identities, Relations“
4.10.2011, 10 Uhr, Loveno di Menaggio (Italien), Villa Vigoni. Deutsch-italienisches Kulturzentrum, Konferenz „Literatur als Wagnis/Literature as a risk“
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