Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft: Franziska Schößler

Seit einigen Dekaden ist es nicht mehr so, dass das geistige Zentrum der deutschen Gesellschaft von einem Kanon ‚schöner Literatur’ entscheidend mitbestimmt würde. Heute lohnt es sich eher zu fragen: Was ist eine ‚deutsche Gesellschaft’ überhaupt? Wo liegen ihre Grenzen? Wohin ist das ‚geistige Zentrum’ verschwunden? Und welchen Stellenwert hat das Medium Literatur überhaupt noch?

Seit den 1970er Jahren hat somit auch die germanistische Literaturwissenschaft ihren gesellschaftlichen Stellenwert verloren, sie befindet sich in einer Dauerkrise. Während die einen sich auf die Residuen bildungsbürgerlicher Vorstellungen zurückziehen, bemühen sich die anderen um die Öffnung und – wenn man so will – Aktualisierung der Literaturwissenschaft hin zu den Kultur- und/oder Medienwissenschaften. In diesem Zusammenhang hat die Trierer Germanistik-Professorin Franziska Schößler – die als solche in herausragender Weise meine Dissertation begleitet hat – einen Band vorgelegt, der kulturwissenschaftliche Literaturtheorien präsentiert, die Literatur als sozialen und politischen Gegenstand beschreibbar machen:

Eine gemeinsame Tendenz der kulturwissenschaftlichen Ansätze scheint nämlich darin zu bestehen, dass sie radikal mit der Vorstellung eines autonomen Kunstwerks jenseits sozialer Kontexte brechen. Literatur wird an soziale Prozesse zurückgebunden; eine kulturwissenschaftliche Perspektive fokussiert kulturelle Mechanismen des Aus- und Einschlusses, hierarchisierende Symbolbildungen und reflektiert die Verknüpfungen von kulturellen Repräsentationen mit Machtinteressen wie sie auch in literarischen Texten zum Ausdruck kommen. Eine kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft kann mithin zu einer Kulturkritik historischer Ordnungen avancieren. [S. IX f.]

Dabei widmet sich der Band folgenden kulturwissenschaftlichen Ansätzen: der Kulturphilosophie um 1900 (Rickert, Simmel, Cassirer, Weber, Freud), den Cultural Studies, soziotheoretischen Modellen (Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Niklas Luhmann), dem New Historicism (Stephen Greenblatt, Hayden White), den Gender und Queer Studies (Judith Butler), den Postcolonial Studies (Edward W. Said, Homi K. Bhabha, Gayatri Chakravorty Spivak), der Ethnologie und der literarischen Anthropologie (Clifford Geertz, Victor Turner, René Girard) sowie Theorien der Erinnerung. Die Theorien appliziert Schößler in exemplarischen Analysen auf Romane von Johann Wolfgang Goethe, Émile Zola, Virginia Woolf, John Cooper und Thomas Mann.

Werden Sie klüger mit dem Buch:

Franziska Schößler: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Tübingen: Narr/UTB, 2006.

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