Wissenschaft und Macht

Thomas Ernst, Bettina Bock von Wülfingen, Stefan Borrmann, Christian P. Gudehus (Hg.): Wissenschaft und Macht. Münster: Westfälisches Dampfboot 2004. Print: 25,80 €, 340 S., ISBN 978-3-89691-581-8 (der Band ist vergriffen).

Thomas Ernst, Bettina Bock von Wülfingen, Stefan Borrmann, Christian P. Gudehus (Hg.): Wissenschaft und Macht. Münster: Westfälisches Dampfboot 2004. Print: 25,80 €, 340 S., ISBN 978-3-89691-581-8 (der Band ist vergriffen).

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft gewinnt die Frage nach der Verortung von Wissenschaft im Feld von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zunehmend an Brisanz. Dementsprechend untersuchen die Beiträge dieses Buches das Verhältnis von Wissenschaft und Macht auf vier Ebenen: Sie befassen sich mit den Grundlagen wissenschaftlicher Selbstreflexion, den Verhältnissen im Betrieb der Wissenschaft, den Effekten von Wissenschaft in gesellschaftlicher Praxis und der Produktion von Wissen zwischen Wirtschaft und Politik.

Es schreiben u.a.: Alex Demirovic, Steffanie Engler, Thomas Ernst, Siegfried Jäger, Morus Markard, Thomas Meinecke, Kerstin Palm, Jürgen Roth, Wolf Wagner.

Pressestimmen

„Ein ausgesprochenes Highlight. Dicht und stimmig.“
Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen

„Eine reichhaltige Fundgrube!“
Das Argument

Textauszug

„Bei aller Kritik am Wissenschaftsbetrieb bleibt die vorliegende Anthologie im Kern jedoch ein wissenschaftliches Buch. Die Kritik bedient sich der gängigen Verfahren, die Thematisierungsweisen sind – abgesehen von einzelnen Ausnahmen – ebenfalls die im Betrieb üblichen. Kritik beinhaltet in ihrer Gestalt, das heißt jenseits der inhaltlichen Ebene, stets auch affirmative Momente. So will, wer wissenschaftlich schreibt, dazugehören. Auch die Kritik geht in den Kanon ein, so zumindest die oft unausgesprochene Hoffnung der AutorInnen. Darüber hinaus heißt kritisch zu sein, dies auch in Bezug auf sich selbst gelten zu lassen. Wenn also nur im Nichtparlieren pariert wird, wie Adorno schrieb, dann läge darin eher Affirmation als Kritik. […]

Es ist deutlich, dass es trotz allen Bewusstseins über Ein- und Ausschlussverfahren der Wissenschaft schwierig bleibt, gegen diese strukturellen Benachteiligungen anzugehen. Unabdingbar für diesen Versuch bleibt jedoch, intensiv über die Routinen und Selbstverständlichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens und ihre Gestalt nachzudenken. Dieses Nachdenken über die Kultur der Wissenschaft wird in den Wissenschaften selbst aber noch immer zu selten betrieben (…). Der Kulturbegriff wirft dabei den Blick auch auf jene nichtfachlichen Verhaltensweisen, die als Handlungsroutinen, Fachsprachen, Kleidungsvorschriften, Habitus usw. auch den Wissenschaftsbetrieb als ein spezifisches soziales Feld kennzeichnen.“
Aus: Thomas Ernst, Bettina Bock von Wülfingen, Stefan Borrmann, Christian P. Gudehus: Wissenschaft und Macht. Eine Einführung. S. 9, 20f. In: dies. (Hg.): Wissenschaft und Macht. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2004. S. 7-22.

Inhaltsverzeichnis

Thomas Ernst, Bettina Bock von Wülfingen, Stefan Borrmann, Christian P. Gudehus
Wissenschaft und Macht. Eine Einführung | 7

1. Grundlagen wissenschaftlicher Selbstreflexion

Helmut Heit
‚Über den Wolken…‘ Zur Aktualität der Aristophanischen Wissenschaftskritik | 24

Kerstin Palm
Disziplinen Trouble. Oder: Vorschläge der Gender Studies für eine Wissenschafts- und Machtkritik | 42

Siegfried Jäger
Zum Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften aus diskursanalytischer Sicht | 58

Thomas Ernst
Und die Wahrheit starb im Fußnoten-Massaker. Zur Sprache der Wissenschaft im Zeitalter ihrer Delegitimation | 65

Oliver Geden
Wissenschaft als Politikersatz? Über blinde Flecken und unintendierte Nebenfolgen der qualitativ-empirischen Beforschung marginalisierter Lebenswelten | 77

Tobias Erzmann
Der Paradigmenbegriff im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Macht – Aspekte aus erziehungswissenschaftlicher Sicht | 86

Stefan Borrmann
Machtaspekte bei der Entwicklung ethischer Standards für die Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen | 99

2. Im Betrieb der Wissenschaft

Steffani Engler
‚Aufsteigen oder Aussteigen‘. Soziale ‚Bedingungen von Karrieren in der Wissenschaft | 116

Christine Schreiber
Karriereknick. Gregory Pincus und die Vorgeschichte der In-vitro-Fertilisation | 131

Christian Forstner
Wissenschaftliche Theorien im Kontext politischer und innerwissenschaftlicher Macht . David J. Bohms (1917-1992) Interpretation der Quantenmechanik | 143

Thomas Gondermann
Herbert Spencers ‚The Study of Sociology‘. Die Beziehung von sozialer Theoriebildung und biologischer Differenzbegründung | 159

Jürgen Roth
Zum Geistesleben. Ausgewählte Polemiken, Satiren und Essays | 173

3. Wissenschaft in gesellschaftlicher Praxis

Rüdiger Löffelmeier
Staatliche Macht und Schule – Zur Indienstnahme der Schule in unterschiedlichen politischen Systemen in Deutschland | 190

Jan Schneider
Politikberatung und Regierungsmacht – über ‚Re-Etatisierung‘ zum ‚Neo-Dezisionismus‘? Wandel von Expertise und Entscheidungsvorbereitung im deutschen Regierungssystem | 205

Oliver von Wrochem
Indikatoren Wehrmachtsausstellungen: Überlegungen zum Verhältnis von Geschichtspolitik, Wissenschaft und Öffentlichkeit | 227

Thomas Meinecke
Hellblau. Roman (Auszüge) | 238

4. Wissen zwischen Wirtschaft und Politik

Alex Demirovic
Gouvernementalität und kognitiver Kapitalismus. Gesellschaftstheoretische Bemerkungen zur Immanenz des Wissens | 250

Morus Markard
‚Politisches Mandat‘ und wissenschaftliches Studium im Neoliberalismus. Bedeutungsanalytische Überlegungen | 264

Wolf Wagner
Wissenschaft und Macht. Eine Stellungnahme | 281

Bettina Kremberg
Was kostet Bildung? Ein Appell zur Neuorientierung | 290

Stefan Matysiak
Uni-Nutzung und Nutzungsgebühren als Machtfrage Studierende sollen Nutzungsgebühren entrichten,Professoren nutzen die Universitätsressourcen weiterhin kostenlos | 306

Michael Brodowski
Die Gefahr kognitiven Drop Outs von AkteurInnen an Hochschulen als mögliche Folge einer Präferenz struktureller Aspekte beim Umbau des Hochschulraums | 315

Anhang

Die AutorInnen und HerausgeberInnen | 333

Erstveröffentlichungen | 339

Danksagung | 340

Pressestimmen

„Was sich unter dem Titel ‚Wissenschaft und Macht‘ zunächst wie ein weiterer Sammelband anhört, in dem einige Texte gut, einige neu, einige schlecht und im schlimmsten Fall sogar überflüssig erscheinen, entpuppt sich als ausgesprochenes Highlight in den Wirren der Sammelbände. (…) Vom wissenschaftlichen Text bis zum Pop-Essay ist alles dabei. (…) Formulierte Ziele der HerausgeberInnen sind Auseinandersetzungen mit poststrukturalistischen Theorien unter selbstkritischem Blick auf die eigene Situation im wissenschaftlichen Apparat. Doch auf einer darunter gelagerten Ebene kann dieses Buch als Handwerkszeug für eine erfolgreiche Hochschulzeit verstanden werden. (…) Insgesamt ist ‚Wissenschaft und Macht‘, auch wenn Konkurrenztheorien ausgespart wurden, ein gelungener Sammelband, der in sich dicht und stimmig ist.“
Forschungsjournal NSB (Stephanie Schmoliner, Jg. 19, 1/2006)

„Irgend etwas müssen die Stipendiaten der gewerkschaftnahen Hans-Böckler-Stiftung, als sie sich vor zwei Jahren auf einer Tagung in Hattingen dem Komplex ‚Wissenschaft und Macht‘ näherten, richtig gemacht haben. (…) Was war passiert in Hattingen? Keineswegs war der Aufstand geprobt worden. Es waren lediglich junge Wissenschaftler zusammengekommen, die sich das Ideal einer kritischen Wissenschaft nicht ausreden lassen wollten, sich auch Kritik an der aktuellen Hochschulpolitik herausnahmen – teils nur hilflos an Bildungsideale appellierend, teils aber treffend Machtstrukturen und Kapitalinteressen analysierend: ‚als intellektuelle Verpflichtung gegen die Verallgemeinerung neoliberaler Brutalität und Dummheit‘ (Morus Markard). Die Herausgeber des Tagungsbandes räumen dabei sogar ein, mit ihrem Anspruch, ‚die Kultur der Wissenschaft und ihrer Publikationsweisen‘ zu reflektieren, nicht eben sehr weit gekommen zu sein: ‚Letztendlich ist auch dieser Band wieder eine eher solide wissenschaftliche Anthologie geworden.‘ Im Rahmen einer solchen Unternehmung darf es dann schon als gewagt gelten, daß Glossen ‚zum Geistesleben‘ von Jürgen Roth und Auszüge aus einem Roman von Thomas Meinecke aufgenommen wurden. So liegen die Qualitäten des Bandes auch weniger auf der formalen denn auf der inhaltlichen Ebene. Zwar geht Thomas Ernst in seinem als Lichtbildvortrag konzipierten Beitrag satirisch mit den Konventionen der Wissenschaftssprache ins Gericht. Seine Forderung, ´eine eigene Sprache zu finden, jenseits der Fußnotenmassaker des Betriebs`, bleibt aber ohne Echo, sein Ideal eines Essayismus im Adornoschen Sinne scheint niemand zu teilen. Die sonstigen Beiträge sind vielmehr allesamt tatsächlich ´solide`, oft empirisch abgestützt, und schaffen es im besten Fall, sich auf dieser Grundlage zu stichhaltiger Kritik aufzuschwingen.“
junge welt (Florian Neuner, 14.4.2005)

„Der Band ‚Wissenschaft und Macht‘ analysiert in 22 Aufsätzen die Grundlagen wissenschaftlicher Selbstreflexion, beschreibt die Machtverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb und versucht, wissenschaftliche Einflüsse in der gesellschaftlichen Praxis dingfest zu machen. (…)
Die Herausgeber haben die ‚verstreuten Werke‘ Jürgen Roths nach Wissenschaftssatiren und -polemiken durchforstet und zusammengetragen und diese Sammlung von Glossen, Satiren und Essays sind so luzide formuliert, dass man manch dunkel-konstruktivistischen Ton gern verzeiht. Auch die Aufnahme von Romanauszügen aus ‚Hellblau‘ von Thomas Meinecke zeigt, dass eine Auseinandersetzung mit den Phänomen Wissenschaft und Macht produktiv auch jenseits traditioneller Wissenschaftsgrenzen geführt werden kann und sollte. In dieser Heterogenität der Herangehensweisen liegt – bei aller Kritik – der grosse Vorzug des Sammelbandes. Ein heterogenes Konglomerat von Texten erlaubt ‚Lesestreifzüge‘, die zu interessanten, zu amüsanten und manchmal eben auch zu ärgerlichen Ergebnissen führen.“
H-Soz-u-Kult (Thomas Lenz, 27.4.2005)

„Alle Beiträge gehen von Annahme aus, Wissenschaft sei eine gesellschaftliche Praxis, in der sich vielfältige Interessen kreuzem, deren Effekte und Funktionsweisen von einer kritischen Wissenschaft deshalb in den Blick genommen werden müssen. (…) Siegfried Jäger und Thomas Ernst diskutieren wissenschaftliche Praxis auf der Ebene der zum Einsatz kommenden ‚Werkzeuge‘. Sie arbeiten heraus, dass Methoden und Sprache keine neutralen Instrumente, das heißt lediglich Hilfsmittel oder Medium wissenschaftlicher Erkenntnisse sind, sondern sich als disziplinierende und kontrollierende Regelsysteme erweisen. (…) Auf der Ebene der Sprache argumentiert Ernst, dass ´Zitatsicherheiten` nicht mehr herstellbar sind, und diese Situation die Frage aufwirft, welche Funktion dann ‚unserer wissenschaftlichen Aufgabe [zukommt], ein Fußnotenmassaker nach dem nächsten anzurichten‘?“
Sozial.Geschichte (Timo Luks, Heft 3/2005)

„Der Sammelband ist vom Interesse am wissenschafts- und machtkritischen Potenzial des Poststrukturalismus und den Debatten um Bildungspolitik und Hochschulreform motiviert. Zunächst werden die erkenntnistheoretischen Bedingungen und Grenzen von Wissenschaft und Forschungszweck diskutiert. (…) Weiterhin wird gefragt, unter welchen Bedingungen Einzelne in der Wissenschaft erfolgreich sein können. (…) Ferner wird der Legitimationsfunktion von Wissenschaft nachgegangen. (…) Schließlich wird die Produktion von Wissen zwischen Ökonomisierung und politischer Regulierung thematisiert. (…)
Die Vielzahl von Perspektiven macht dieses ‚Konglomerat von Texten‘ (9) zu einer reichhaltigen Fundgrube, in der die Ansätze jedoch unvermittelt nebeneinander stehen. (…) Zwei Lücken werden von den Hg. selbst benannt: der weitgehende Ausschluss des Süden aus der globalen Publikations- und Zitierpraxis sowie die normierte Kultur der Wissenschaft (z.B. Fachsprachen), wobei letztere durch den amüsanten Beitrag ‚Und die Wahrheit starb im Fußnoten-Massaker‘ von Thomas Ernst immerhin ironisch behandelt wird.“
Das Argument (Oliver Walkenhorst, Heft 265/2006)

Downloads zum Buch

Und die Wahrheit starb im Fußnotenmassaker. Zur Sprache der Wissenschaft im Zeitalter ihrer Delegitimation.

In: Ernst u.a. (Hg.): Wissenschaft und Macht. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2004. S. 65-76.

Rezension des Buches von Thomas Lenz für h-soz-kult

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