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Wo Coronasemester war, soll gutes Blended Learning werden: Digitale Lehrerfahrungen 2020 und Empfehlungen für eine bessere Zukunft

Artikel in FAZ und Welt vom 23./24.5.2020

Nun sagt, wie halten wir es zukünftig mit der digitalen Lehre? Diese neue Gretchenfrage der Hochschullehre stellt sich in neuer Form, denn der aktuelle Forschungsstand zur Covid-19-Pandemie lässt Präsenzunterricht vorerst wenig ratsam erscheinen. Die ersten Universitäten wie die University of Cambridge deklarieren folglich bereits das komplette Studienjahr 2020/21 zum Online-Lehrjahr. Gegen diese nahe liegende Entwicklung polemisieren nun konservative Medien: Thomas Thiel behauptet jüngst in der FAZ, dass „das digitale Einheitsprodukt billiger ist als das physische Seminar vor Ort“ und letztlich nur Medienkonzernen wie Bertelsmann und Microsoft diene; Susanne Gaschke proklamiert in der Welt gar „das Ende der Universität, wie wir sie kannten“. Auch eine linke Aktivistin wie Naomi Klein problematisiert den Digitalunterricht als Teil einer „High-Tech Dystopia“, die sie in The Intercept als Teil des „Screen New Deal“ diffamiert.

Es ist weise, diese sozialen und ökonomischen Gefahren im Blick zu behalten. Zur Weisheit gehört jedoch auch, diese Thesen mit konkreten Erfahrungen in der Hochschullehre abzugleichen. Es gibt bereits entsprechende Threads zu den Artikeln von Thiel und Gaschke, in denen Kolleg*innen diese Meinungsbeiträge als „antiakademische Polemik“ in Kombination mit „Technikfeindlichkeit“ (@miriamzeh) bzw. „Unfassbarer Schmarrn“ (@ArminNassehi) und „quasi argumentfrei“ (@drbieber) bewerten. Im Gegensatz dazu müssten auch die positiven Erfahrungen berücksichtigt werden, denn: „Wir werden das Gute aus der Online-Lehre behalten, und damit die Präsenzlehre aufwerten.“ (@nettwerkerin)

Da bei uns in Belgien das Sommersemester früher liegt als in Deutschland (von Februar bis Mai), erwischte uns die Umstellung auf reinen Online-Unterricht mitten im laufenden Semester. Das war im März eine enorme Herausforderung, ermöglicht mir nun jedoch, bereits anderthalb Monate vor den Kolleg*innen aus Deutschland ein vorläufiges Fazit dieser digitalen Lernerfahrungen und vor allem Empfehlungen für 2020/21 zu formulieren. Damit komme ich zugleich einem selbst gesetzten Anspruch nach: Beim spontanen Aufbau unseres Fachportals „Digitale Lehre Germanistik“ entstand gemeinsam mit Prof. Dr. Andrea Geier (Trier), Prof. Dr. Kai Bremer (Osnabrück), Prof. Dr. Thorsten Ries (Gent/Regensburg) und PD Dr. Claudius Sittig (Rostock) das Arbeitspapier „Vorschläge für eine konstruktive Selbstreflexion“. Das Ziel sollte sein, unsere Erfahrungen mit der Umstellung auf digitale Lehre während der COVID-19-Pandemie kritisch zu reflektieren, um daraus für die Zukunft zu lernen.

Meine Empfehlungen bemühen sich daher, hinter die Schwarz-Weiß-Rhetorik der genannten Meinungsartikel zu blicken, und gehen von den bisherigen Evaluationen meiner Studierenden an der Universiteit Antwerpen aus. In diesem Semester habe ich vier BA- und MA-Gruppen unterrichtet, von denen mir durchschnittlich etwa zehn Studierende aus Seminaren zu den Themen „Deutsche Literaturgeschichte“, „Deutsche Kulturgeschichte“ und „Literatur und Politik“ ihre Erfahrungen mit dem digitalen Unterricht beschrieben haben. Bei uns wird die Lernplattform Blackboard genutzt, die verschiedene Funktionalitäten für die Online-Lehre anbietet (Live-Unterricht, Aufnahme von Videos, Einrichtung von Wikis und Foren etc.). Je nach Seminar habe ich von diesen Optionen unterschiedlichen Gebrauch gemacht, in der Gesamtheit mögen die Rückmeldungen jedoch als ein gutes (frühes) Fallbeispiel zählen können.

Probleme mit der Online-Lehre

Es gab von den Studierenden 26 kritische Anmerkungen, davon bezogen sich 42% auf technische Schwierigkeiten (vor allem schlechte Internetverbindungen). Alle weiteren Anmerkungen zielten auf generelle Probleme der Studierenden mit der Online-Lehre: Einige Studierende gaben an, dass sie generell mit der Online-Lehre fremdeln (19% aller kritischen Anmerkungen); viele konstatierten, dass das lange Betrachten des Bildschirms zu Konzentrationsschwierigkeiten und Ermüdung führten und z.B. dreistündige Seminare deutlich zu lang seien (31%); einzelne stellten fest, dass der Online-Unterricht sie mehr Zeit gekostet und unter einen größeren Druck gesetzt habe (8%).

Potenziale der Online-Lehre

Die Studierenden machten insgesamt 35 positive Angaben, von denen sich ein Viertel darauf bezogen, dass die Umstellung vom Präsenzunterricht auf die Online-Lehre gut erläutert worden sei und problemlos funktioniert habe (26%). Der Großteil der positiven Anmerkungen bezieht sich auf das Verhältnis und die Potenziale der synchronen und der asynchronen Lehrmomente: Es wird hervorgehoben, dass der Live-Unterricht gut funktioniert habe, da er in einer anderen Form Interaktivität ermöglicht und genügend Raum für Fragen eröffnet habe (23%); zudem hätten die Live-Momente die Intensität des Lernens erhöht und eine zeitlich geordnete Lernstruktur geschaffen, was in dieser Corona-Zeit wichtig und hilfreich gewesen sei (11%). Daneben sei es gut gewesen, dass Video-Aufnahmen der Live-Sitzungen gemacht (17%) und dass die zusätzlichen Lern- und Interaktionsangebote wie das Wiki, Breakout-Rooms oder separate Lernvideos angeboten und genutzt worden seien (11%). Schließlich werden auch persönliche Vorteile angesprochen: Die Nachfragen nach der persönlichen Situation seien besonders hilfreich gewesen; man habe viel Zeit gespart, weil die Anfahrt zur Uni nicht nötig war; ein*e Student*in habe sich sogar besser konzentrieren können als im Präsenzunterricht (11%).

Aus diesen Rückmeldungen und meinen eigenen Erfahrungen mit dem reinen Online-Unterricht lassen sich eine Reihe von Empfehlungen ableiten. Diese betreffen Politik, Universitäten und die Lehrenden in unterschiedlicher Form.

Empfehlungen und Herausforderungen für Politik und Universitäten

  • Frühzeitige Festlegung auf Online- oder Präsenz-Lehre ist fundamental: Der Erfolg von Online-Lehrveranstaltungen hängt von einer klugen und frühzeitigen Differenzierung der Lerninhalte, Lernziele und Prüfungsformen in asynchrone und synchrone Lehrmomente sowie von der zielgerichteten Nutzung unterschiedlicher Tools ab. Um diese Differenzierung sinnvoll planen zu können, ist eine frühzeitige Festlegung auf die Online- oder die Präsenz-Lehre (unter Nutzung digitaler Lernmomente) unabdingbar, die dann für die Dauer des Seminars durchgezogen werden sollte.
  • Internet-Bandbreite und Stabilisierung der Lern-Plattformen: Das größte Problem der Online-Lehre ist auch 2020 noch immer, dass die Internet-Bandbreite und die Stabilität der Lern-Plattformen weder im Alltagsgebrauch noch unter Nutzung der aufwendigeren Tools ausreichend ist. Das muss endlich und so schnell wie möglich geändert werden. Das World Wide Web ist kein Neuland mehr, seine Straßen und Marktplätze aber sind noch immer nicht befestigt.

Herausforderungen für die Universitäten

  • Nutzung einer zentralen Lernplattform, die Datensouveränität gewährleistet: Studierende und Lehrende klagen durch die Online-Lehre über erhöhten Stress, Zeitaufwand und Konzentrationsschwierigkeiten. Ein zentrales Mittel, um diesen Stress zu reduzieren, ist die Nutzung einer zentralen digitalen Lernplattform (wie Moodle, Blackboard, Canvas) an der Universität, die a) zahlreiche Funktionalitäten in sich vereint sowie b) die Datensouveränität ihrer Nutzer*innen gewährleistet. Es ist wichtig, dass die Universität hierfür ausreichende Mittel sowie auf die Notwendigkeiten der verschiedenen Disziplinen abgestimmte Fortbildungsmöglichkeiten anbietet.
  • Studierende aus bildungsfernen Hintergründen besonders unterstützen: Die Umstellung auf eine reine Online-Lehre führt zu einer strukturellen Benachteiligung von Studierenden aus bildungsfernen Hintergründen oder schwierigen familiären Umgebungen. Darum ist wichtig, a) zu Beginn der Umstellung/Lehrveranstaltung etwaige Beeinträchtigungen mit Studierenden zu erörtern (ökonomische/soziale/räumliche/technische/familiäre Situation) sowie b) Dienste und Mittel an der Universität einzurichten, die eine entsprechende Unterstützung, individuelle Begleitung oder Ausnahmeregelungen für diese Studierenden gewährleisten können.

Herausforderungen und Empfehlungen für Lehrende

  • Zusätzliche Anforderung: Erläuterung der Tools und Techniken: Zu Beginn der Seminare ist es fundamental wichtig, den Studierenden das digitale Lehrkonzept und ggf. auch die genutzten Tools ausführlich zu erläutern. Gerade für Studierende mit einer schlechten technischen Ausstattung oder einer geringen Affinität zum digitalen Lernen ist diese Phase fundamental. Sie kostet zwangsläufig zusätzliche Zeit und Energie.
  • Zusätzliche Anforderung: Studierendenbetreuung: Während man sich in einem Seminarraum schnell einen Überblick über die Präsenz, Motivation und Teilhabe der Studierenden verschaffen kann, muss hierfür beim Online-Unterricht zusätzliche Zeit und Energie der Dozierenden eingeplant werden. Während in der Präsenzlehre die einzelnen Sitzungen vor allem für die Präsentation und Diskussion der Seminarinhalte genutzt werden, verschieben sich die Verhältnisse zwischen Präsenzlehre, Gruppensprechstunde und Einzelsprechstunde (synchrone Lehre) sowie der Präsentation von Lehrvideos, der Durchführung von Gruppenarbeiten und dem individuellen Feedback dazu (asynchrone Lehre). Insgesamt ist das zeitlich für die Studierenden und die Lehrenden ein deutlich höherer Aufwand.
  • Erhöhter Zeitaufwand und reduzierte Lerninhalte: Dieser zeitlich höhere Aufwand sollte bei der Berechnung der Lehrkapazitäten und der Leistungen der Studierenden berücksichtigt werden. ‚Weniger ist mehr‘ ist im #Coronasemester zu einem oft genutzten Schlagwort geworden. Ggf. können die Erfahrungen mit der Online-Lehre helfen, in diesem Sinne auch die Lerninhalte und Lernziele zu modifizieren. Auch dieser Prozess benötigt allerdings zusätzliche zeitliche Ressourcen, wenn er sinnvoll gestaltet werden will.
  • Zielgerichtete Auslagerung einzelner Lerninhalte: Die Erfahrungen mit der Online-Lehre haben gezeigt, wie wichtig der direkte Austausch mit den Studierenden für den Lernerfolg ist und dass nur ein kleiner Teil der Lerninhalte ohne direkte Betreuung (z.B. im Sinne von MOOCs) ausgelagert werden könnte. Allerdings kann es helfen, immer wiederkehrende Fragen, die nicht zum direkten Seminarinhalt gehören (Wie schreibe ich eine Hausarbeit? Wie halte ich ein Referat? Wie recherchiere ich in der Bibliothek? Wie zitiere ich korrekt?) in kurzen Lernvideos zu erläutern und standardisiert verfügbar zu machen. Das spart wiederum Lehrzeit, die an anderen Stellen dringend benötigt wird.
  • Verhältnis von synchronen und asynchronen Lehrmomenten optimieren: Die Studierenden erleben in dieser Zeit sowohl den digitalen Live-Unterricht als auch zusätzlich bereitgestellte Videos und Materialien als hilfreich. Es ist allerdings eine große Herausforderung für die Lehrenden, je nach Gruppe, Lernzielen und Lerninhalten das Verhältnis der synchronen und der asynchronen Lehrmomente zu optimieren. Die politische Vorstellung, dass erfolgreiche Lernprozesse auch in vor allem asynchron verlaufenden (und auf Dauer kostengünstigeren) Digitalseminaren stattfinden könnten, ist mir nach diesem #Coronasemester noch fremder als zuvor schon.
  • Neue Formen der Interaktivität nutzen (synchron und asynchron): Die Arbeitsverhältnisse der digitalen Netzwerkgesellschaft erfordern andere kommunikative Kompetenzen und Partizipationsweisen. Der Digitalunterricht hält zu deren Einübung viele Optionen bereit, denn sowohl synchron (Unterrichtsgespräch im Live-Room; Gruppengespräch im Break-Out-Room) als auch asynchron (kollaborative Plattformen wie Wikis oder Annotationen) können unterschiedliche Formen der Interaktivität und Teamarbeit stimuliert werden. Das ist eine sehr konkrete Herausforderung, kann jedoch gelingen, wie Prof. Dr. Konstanze Marx einfühlsam beschreibt.
  • Seminarlängen, -rhythmen und -inhalte umgestalten: Die Online-Lehrerfahrung hat mir noch einmal gezeigt, wie künstlich es ist, Seminar immer ein- bzw. zweimal wöchentlich für jeweils 90/120/180 Minuten anzubieten. Besonders gelungene Sitzungen ließen sich in Abschnitte von ca. 35 Minuten einteilen (das war durch die Videoaufnahmen nachträglich leicht zu rekonstruieren); manchmal benötigten die Studierenden längere Lektüre- oder Gruppenarbeitsphasen zwischen den Live-Sitzungen. Sollte ich im Studienjahr 2020-21 erneut digital lehren müssen, werde ich auf jeden Fall von den tradierten Rhythmen abweichen und – orientiert an den Lerninhalten und Lernzielen – einen wesentlich flexibleren Verlaufsplan wählen, der synchrone und asynchrone Elemente verbindet. Die Live-Unterrichtszeit, die dann eingespart wird, muss ohnehin in zusätzliche Sprechstundenzeit umgewandelt werden, die der Betreuung einzelner Studierender oder spezifischer Arbeitsgruppen dient.

Bildungspolitische Implikationen für die Online-Lehre in den Geisteswissenschaften

Was in der Hochschullehre gerade passiert, geht weit über „Zoom-Konferenzen“ (Gaschke) oder „Onlinekurse Moocs“ (Thiel) hinaus. Vieltausendfach entdecken Lehrende und Studierende gemeinsam sowohl die Probleme wie auch die Potenziale digitaler Lernformen. Und natürlich könnten wir auch 2020-21 diese Form der Digitallehre fortsetzen, ohne dass eine Katastrophe entstünde.

Wichtiger erscheint jedoch, dass wir aus den Erfahrungen des aktuellen #Nichtsemesters, das sich in dieser Form weder Digitalenthusiast*innen noch Digitalisierungskritiker*innen gewünscht haben, in eine differenzierte Debatte eintreten. Dabei wäre zu klären, wie wir uns eine produktive Verbindung von Präsenz- und Digitallehre vorstellen können, die unter dem Titel ‚Blended Learning‘ bereits seit den späten 1990er Jahren existiert. Klar erscheint mir das Folgende:

  • Es wäre politisch asozial, den Digitalunterricht als eine perspektivische Sparmöglichkeit zu bewerten und aus diesem Grunde zu fördern. Im Gegenteil: Die digitale Lehre benötigt mehr Lehrzeit, mehr Betreuung und mehr Technik. Um die Potenziale des Digitalunterrichts wirklich nutzen zu können und die Verhärtung sozialer Differenzen, die er befördert, aufzuweichen, müsste mehr Geld in das Bildungssystem fließen.
  • Für die freie und selbstbestimmte Bildung ist es in der Tat eine Katastrophe, dass sich Internet-Unternehmen mit Monopolstellung vehement in die digitale Bildung einschalten. Wichtige Standards wie Datenschutz, Datensouveränität, Open Source und Open Access spielen noch immer eine zu geringe Rolle in der Debatte um die digitale Hochschullehre. Warum wurde der Aufruf für eine stärkere digitale Zivilgesellschaft jüngst von so wenigen Wissenschaftsorganisationen unterzeichnet? Warum muss ein Player wie der Chaos Computer Club zeigen, wie digitale Lehre besser geht? Wir müssen noch viel mehr digitale Aufklärung wagen!
  • Jenseits der Schwarz-Weiß-Rhetoriken von Präsenz- vs. Online-Unterricht benötigen wir endlich eine umfassende Debatte über die notwendigen Standards des ‚Blended Learning‘ in den unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Eine gute Debatte muss die ökonomischen, sozialen, didaktischen, medialen, (datenschutz-)rechtlichen und fachspezifischen Implikationen des Blended Learning berücksichtigen: Wie können sich die Potenziale der Online-Lehre und die Elemente des Präsenzunterrichts produktiv verbinden?
  • Dazu werden wir hoffentlich viel stärker bereits vorhandene Portale zur Online-Didaktik und Best Practices ausbauen und als Orientierung nutzen können. Für mein Fach lädt das Portal „Digitale Lehre Germanistik“ weiterhin zur Mitarbeit ein, die mediendidaktischen Vlogs von Philipp Wampfler zum #DigiFernunterricht und die Beiträge Axel Krommers (@mediendidaktik) haben sich als besonders anregend erwiesen. Das Projekt @D3_Projekt mit Dr. Gunhild Berg (@LiteraturDida) erprobt, in welche Richtung die weiteren Entwicklungen gehen können. Auf dem #Twittercampus und an vielen anderen Orten werden wir weiter diskutieren.

Persönlich habe ich das Coronasemester unter den aktuellen Bedingungen zwar als besonders ermüdend erfahren. Zugleich erlebe ich die positiven persönlichen Rückmeldungen der Studierenden jedoch als sehr motivierend. Für mich steht daher fest: Wo #Coronasemester war, soll nach der Pandemie gutes #BlendedLearning werden.

Wenn im laufenden Semester die Lehre digital wird: Das Beispiel Belgien

Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Im letzten Jahr habe ich meinen Habilitationsprozess an der Universität Duisburg-Essen erfolgreich mit einer Schrift über Literatur und Literaturwissenschaft im Zeitalter der Sozialen Medien abgeschlossen. Ein Kapitel dieser Arbeit widmet sich der Frage, welche Potenziale die Sozialen Medien für die digitale Lehre und die Veröffentlichungspraxis der Germanistik offerieren und wie diese fruchtbar gemacht werden könnten. Es wurde mir klar, dass diese Potenziale zwar groß sind, in der Umsetzung aber auch viel daneben gehen kann und – vor allem – dass es noch viel auszuprobieren gäbe.

Deutschland: Debatte um digitale Lehre und ein #Nichtsemester

Aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt: Dass wir nun in der „größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ (UN), so groß muss man wohl denken, gezwungen sein würden, unsere komplette Hochschullehre in kürzester Zeit auf ihre digitale Form umzustellen. Die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronovirus sind zunächst einmal ein gesamtgesellschaftliches Problem und insbesondere für die Risikogruppen hochrelevant. Ein Effekt dieser wichtigen Maßnahmen ist für meine Kolleg*innen und mich allerdings, dass sie als struktureller Zwang nun eine nur auf Temporalität angelegte Disruption der Lehre auslösen werden.

Eine ‚digitale Revolution‘ lässt sich unter diesen Vorzeichen kaum sinnvoll umsetzen. In Deutschland gibt es daher, ausgehend von einem von den Kolleginnen Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU München), Prof. Dr. Andrea Geier (Trier) und Prof. Dr. Ruth Mayer (Hannover) initiierten offenen Brief, eine Debatte, ob das Sommersemester 2020 nicht besser ein Nicht-Semester werden sollte. Der Brief weist berechtigterweise darauf hin, dass die Online-Lehre „eine besondere, eigene, voraussetzungsreiche Variante der Lehre“ ist und sehr „gründlich vorbereitet“ werden müsse, wofür die Zeit nun kaum reiche. Spezifische Probleme des deutschen Hochschulsystems – die Befristung der allermeisten Stellen, die hohen Lehrdeputate vieler Kolleg*innen – sowie die schwierigen ökonomischen und sozialen Situationen vieler Studierenden stünden jedoch dieser notwendigen gründlichen Vorbereitung im Wege. Die Forderung der Verfasserinnen, das Sommersemester vor diesem Hintergrund in ein besonders flexibles ‚Nicht-Semester‘ umzuwandeln, wurde innerhalb von drei Tagen von mehr als 1.300 Kolleg*innen erstunterzeichnet.

Belgien: Umstellung auf digitale Lehre im laufenden Semester

Als in Belgien Lehrender ist meine Situation allerdings eine andere, denn die Studienjahre sind anders strukturiert. Mich erwischten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Verbreitung in einem laufenden Semester, denn hier Weiterlesen

Neuerscheinung: „Deutsch in der Literatur Luxemburgs“

Thomas Ernst (2019): Von Mischkultur und Mehrsprachigkeit: Deutsch in der Literatur Luxemburgs. In: Oxford German Studies, 48:1, 91-112, DOI: 10.1080/00787191.2019.1583444.

Ich freue mich sehr, dass mein Beitrag „Von Mischkultur und Mehrsprachigkeit: Deutsch in der Literatur Luxemburgs“ im vom Brüsseler Kollegen Arvi Sepp herausgegebenen Sonderheft der Oxford German Studies zu peripheren deutschsprachigen Gegenwartsliteraturen in Europa veröffentlicht worden ist. Zudem steht dieser Beitrag im Sinne des Open Access zum freien Download zur Verfügung.

Dieser Beitrag schließt an mein komparatistisches Postdoc-Projekt an der Université du Luxembourg über mehrsprachige Literaturen in Deutschland, Flandern und Luxemburg an. Das Abstract lautet wie folgt: Die Literatur Luxemburgs wird als solche erst seit den 1980er Jahren anerkannt und ihre fundamentale Mehrsprachigkeit und kulturelle Hybridität werden seit den 2000er Jahren als ihre zentralen Merkmale bestimmt. Eine quantitative Analyse der Datenbank „autorenlexikon.lu“ zeigt, dass das Feld der luxemburgischen Literatur tatsächlich ein mehrsprachiges ist, auf dem Deutsch und Französisch die wichtigsten Literatursprachen sind, dicht gefolgt von Luxemburgisch. Dabei ist die Prosa Luxemburgs zumeist in deutscher Sprache verfasst, Lyrik auf Französisch und Theaterstücke auf Luxemburgisch. Eine qualitative Analyse der Theatertexte „penalty“ (2009) von Roger Manderscheid und „now here & nowhere oder den här io ming pei hätt mueres gär krewetten“ (2007) von Nico Helminger zeigt, dass die deutsche Sprache hier keine positiven oder negativen Konnotationen erhält, sondern vielmehr Teil einer Sprachmischung aus Deutsch und Luxemburgisch bzw. Deutsch, Englisch, Französisch und Luxemburgisch wird. Diese Sprachmischung unterstützt die Konstruktion hybrider Identitäten bzw. die Differenzierung der sozialen Milieus in Luxemburg.

Wolfgang Welt ist tot. Es lebe die Weltologie!

Wolfgang Welt ist tot. Mit großem Bedauern habe ich diese Nachricht erfahren. So traurig sein Tod ist, so groß wird die Freude sein, die uns sein literarisches Werk noch machen wird.

Bei ihm gehe es nicht um den „Stream of Consciousness, sondern um den Stream of Unconciousness“, sagt Welts Alter Ego in Der Tunnel am Ende des Lichts, seinem vielleicht intensivsten Werk, das vom Wahnsinn, Scheitern und dem einsamen Umherirren durch das Ruhrgebiet berichtet. Welt hat mit seinen wenigen Romanen und seiner sehr spezifischen autofiktionalen und ‚ehrlichen‘ Prosa bemerkenswerte Werke neben die Hauptströmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gelegt. Moritz Baßler nobilitiert Welts Romane treffend: „Von einer bestimmten Schreibqualität an ist Wahrheit Literatur.“

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Online-Petition zu Open Access – das Kind mit dem Bade?

Vor einiger Zeit habe ich mich ausführlich mit den Folgen des digitalen Zeitalters für die Literatur, die Wissenschaft und ihre Veröffentlichungspraxis beschäftigt und einige Resonanz auf meinen Kulturrevolutionären Appell erhalten. Aktuell gewinnt das Thema weitere Brisanz, da dem Deutschen Bundestag die Petition Wissenschaft und Forschung – Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen vorgelegt worden ist, die den Bundestag davon überzeugen will,

„dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen.“

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Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Wir erleben seit einigen Jahren den Beginn eines digitalen Zeitalters, das bereits weitreichende Folge für alle anderen Medien – wie Buch, Fernsehen, Fotografie – hat und in Zukunft noch größere haben wird. Als Literaturwissenschaftler und Autor hat mich in den vergangenen Monaten geärgert, wie einerseits die ‚Netzenthusiasten‚ im Sinne einer naiven Utopie suggerieren, dass mit einem neuen Medium wie dem Internet zugleich auch alles besser werde, und wie andererseits die Verteidiger der analogen Medienwelt so tun, als könne man dem digitalen Zeitalter entweichen und irgendwie doch noch den medialen Status quo bewahren.

Viele meiner liebsten, klügsten und besten Kolleginnen und Kollegen aus der literaturwissenschaftlichen Welt haben in letzterem Sinne den Heidelberger Appell unterzeichnet, den wiederum seine Online-Kritiker als „haarsträubend wie gefährlich“ (Matthias Spielkamp) oder auch „feudalistisch“ (Peter Glaser) brandmarken. Wenn man sich mit einzelnen Appell-Unterzeichnern ausführlicher unterhält, wird schnell deutlich, dass die dichotomische Gegenüberstellung von Buch versus Internet, geistigem Eigentum versus digitaler Kopie, Freiheit der Forschung versus Open Access sowie die Verschmelzung von Google und Open Access zu einem gemeinsamen Feind auch von vielen Unterzeichnern selbst kritisch gesehen wird.

Tatsächlich mag der Heidelberger Appell mit seinen starken und unversöhnlichen Thesen wichtig gewesen sein, um in den aktuellen Debatten mit Getöse auch die (im Medienverbund ansonsten bereits zu schwachen?) Stimmen der Literaten und Literaturwissenschaftler erklingen zu lassen. Wohin aber soll uns das in the long run führen? Schließlich beschäftigt uns alle schon in der Gegenwart nicht die Frage, ob wir die Buchkultur oder die digitalen Medienangebote nutzen, sondern wie wir diese beiden Optionen sinnvoll miteinander verbinden bzw. nebeneinander stellen. Dies scheint mir die eigentliche und zukunftsträchtige Frage zu sein.

Aus diesem Grunde habe ich für die jüngste Ausgabe der von den Literaturwissenschaftlern und Professor/inn/en  Jürgen Link (Dortmund), Rolf Parr (Bielefeld) und Marianne Schuller (Hamburg) herausgegebenen Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (Heft 57, Oktober 2009: mit dem Schwerpunkt „Warum kein Widerstand?“ ohnehin sehr interessant!) einen längeren Aufsatz mit dem Titel Das Internet und die digitale Kopie als Chance und Problem für die Literatur und die Wissenschaft. Über die Verabschiedung des geistigen Eigentums, die Transformation der Buchkultur und zum Stand einer fehlgeleiteten Debatte geschrieben (zum Download des Aufsatzes als PDF bitte auf den Aufsatztitel klicken! Ich danke David Link für die grafische Gestaltung!). Darin unternehme ich – vor dem Hintergrund des historischen und medientheoretischen Wissens der kulturwissenschaftlichen Germanistik – den Versuch, die Buchkultur und die digitale Welt in ihren Stärken und Schwächen miteinander zu versöhnen und die durch den Heidelberger Appell evozierte dichotomische Debatte zu differenzieren. Konkret versuche ich zu zeigen,

  • warum der Heidelberger Appell eine überfällige Debatte verhindert;
  • warum Medienumbrüche schon immer ein diskursives Ereignis waren und die aktuellen Debatten um das Internet im historischen Rückblick auf die Durchsetzung des Buchzeitalters gar nicht so neu sind;
  • dass der Begriff des ‘geistigen Eigentums‘ heute obsolet ist und nur noch als rhetorischer Kampfbegriff genutzt wird;
  • inwiefern Buchverlage, Wissenschaftler und ‚Geistesaristokraten‘ (auch) als Besitzstandswahrer agieren;
  • dass der Kampf gegen die Vorherrschaft Googles notwendig ist;
  • warum ein neues Urheberrecht und Open Access wichtig sind;
  • welche Chancen und Probleme das Internet und die digitale Kopie für die Literatur und die Wissenschaft mit sich bringen.

Die historischen Betrachtungen und die Differenzierung der Gegenwart münden schließlich in einen Kulturrevolutionären Appell, benannt nach dem Publikationsort und dem erhofften Effekt des Beitrags, der wie folgt aussieht:

„Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

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