Der Journalismus, die Lobbyisten und die Wahrheit

Eine funktionierende Demokratie lässt sich nicht denken ohne eine freie und unabhängige ‚vierte Gewalt’, die sich in Deutschland insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk organisiert hat. Nachdem allerdings die Posse um die Nicht-Verlängerung des Vertrags von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender offen gelegt hat, dass zumindest dieser Sender eindeutig unter parteipolitischen Einflüssen steht, zeigen die immer wieder aufgedeckten Fälle von Schleichwerbung die Verstrickung von kommerziellen Interessen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk.
Dieses problematische Verhältnis zeigte sich jüngst wieder im Nachgang zu einem fein aufklärerischen Beitrag der satirischen ‚heute-show’ des ZDF. Deren Reporter Martin Sonneborn, zugleich Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, den Pharmalobbyisten Peter Schmidt (Pro Generika) um ein Interview gebeten, das „nach Möglichkeit in einer der ‚heute’-Sendungen, bevorzugt im ‚heute-journal’, platziert” werden solle. Indem er nun gerade jene Stellen veröffentlicht, die in der üblichen journalistischen Praxis dem Schnitt zum Opfer fallen („Nein, das möchte ich ungerne sagen, deswegen habe ich auch abgebrochen.”), trägt er gerade durch diese Verletzung journalistischer Grundregeln so etwas wie ‚Wahrheitsfindung’ bei. Doch sehen Sie selbst:

Es überrascht nun nicht, dass ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut Schmidts Beschwerde gegen diese Praxis zum Anlass nahm, Sonneborn fortan das Operieren mit dem ‚heute’-Level zu untersagen. Beschwerden der Pharmaindustrie, als einem der großen ZDF-Werbekunden, werden selbstverständlich ernst genommen. Peter Schmidt hat übrigens, wenngleich aus vorgeblich anderen Gründen, seinen Job verloren.

How bizarr: Bier, Geschlechterstereotypen und wunderliche Syllogismen

1. Ich halte es für wichtig, jede Form von Geschlechterstereotypen zu unterminieren, da sie die Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen unterstützen. Auch die Reproduktion von Geschlechterstereotypen in Videoclips und Werbebotschaften ärgert mich enorm.
2. Heineken ist kein gutes Bier. Eine Begründung mag sein: „es schmeckt wirklich jedermann“ (Gilbert Delos). Auch die Bier-Theoretiker Michael Rudolf und Jürgen Roth bestätigten in ihrem Bier-Lexikon: „das dürfte das Problem sein“.
3. Dennoch finde ich den unten stehenden Werbespot von Heineken, der in übelster Weise Geschlechterstereotype reproduziert, phänomenal. Wie man das nun zu einem funktionierenden Syllogismus umbiegt, wüsste ich selber gerne (Vorschläge nehme ich wissbegierig entgegen). Doch sehen Sie selbst:

Versäumen Sie auch nicht den Nachfolgeclip, in dem der Walk-in-Fridge zum Walkin’ Fridge mutiert. Na denn, Prost!

„Zwei Kreative unterwegs” & „Zwischen Pott und Metropole”. Zwei Videoclips zu “Europa erlesen: Ruhrgebiet”

Inzwischen sind auf der Webseite 2010lab.tv zwei Videoclips online gegangen, die anlässlich der Präsentation der von Florian Neuner und mir herausgegebenen Anthologie Europa erlesen: Ruhrgebiet in der Heinrich-Heine-Buchhandlung in Essen am Viehofer Platz aufgenommen wurden. Der längere Clip trägt den Titel Zwischen Pott und Metropole und erzählt unter anderem davon, welche Eigenschaften des Ruhrgebiets von jenen, „die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, gar nicht als Differenz zu anderen Räumen erfahren werden.”
Das 2010lab.tv schreibt dazu: Weiterlesen »

Fußball als Kunst und der Homo ludens

Zeiten der Krise können auch Zeiten der grundsätzlichen Reflexion sein - und der Fußballsport steht den öffentlichen Debatten über Leistungsdruck, Depressionen, Spielsucht und Wettskandale momentan sehr ohnmächtig gegenüber. Mir lief in den letzten Tagen zufällig ein kleiner Videoclip über den Weg, der mich noch einmal an meine naive kindliche Fußballleidenschaft erinnerte, die die komplexen Probleme der realen Welt so unwichtig erschienen ließ.

Die herausragende Szene des Films Werner Beinhart (1990), der mit seinen 5,5 Millionen Besuchern bis heute einer der erfolgreichsten deutschen Filme ist, ist das legendäre Fußballspiel zwischen dem 1.FC Süderbrarup und Holzbein Kiel, das allerdings nicht im Stadion ausgetragen wird, sondern auf einem Marktplatz. Doch schauen Sie selbst (und verpassen Sie nicht die wunderbaren Zeilen: “Ich guck noch mal in die Flasche, wie spät das ist.” und “Mit schwarzen Punkten? Ischa merkwürdig!”)!

Wenn ein Merkmal der historischen Avantgarde die Dekonstruktion der kulturellen Alltagsgrammatik durch das künstlerische Spiel war: Ist das nicht Avantgarde? Und ist dann Polizist Bruno mit seinem Satz: “Halt, der Ball ist verhaftet!” nicht ein Agent der bösen Macht, die resignifiziert gehört? Und wäre es eigentlich denkbar, dass eine solche Befreiung des Homo ludens nicht nur im Zeichentrick, sondern auch real stattfände?

Nun, vor kurzem berichtete die Süddeutsche Zeitung über Remi Gaillard, einen Clown, der sich am Fernsehen rächt, der seinen Job als Schuhverkäufer verlor und seither als ebenjener Homo ludens reüssiert, der in Werners Welt der 1990er Jahre nur im Zeichentrick funktioniert. Das Internet macht es möglich, dass Gaillard - dessen Motto C’est en faisant n’importe quoi qu’on devient n’importe qui! (Indem man irgendetwas macht, wird man irgendwer!) lautet - heute ein Portal pflegt, auf dem er seine Videos zum kostenlosen Download anbietet - und darüber seine Berühmtheit erlangt hat. Doch sehen Sie selbst:

In Ordnung: Sowohl bei Werner Brösel als auch bei Remi Gaillard funktioniert das Spiel nur als eine Faszination an der penetrativen Ballflugschneise - die sexistischen Motive werden in beiden Filmen kaum verleugnet, pfui! Aber gleichzeitig lassen uns beide Filme ahnen, was der Fußballsport und auch unser Alltag einmal hätten sein können, bevor sich Joseph Blatter und Angela Merkel der Sache angenommen haben: Spielerisch, lustig und schön.

“Ich bin ein kleiner Junge und werde immer einer bleiben”, erklärt Gaillard im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Ja, möchte man rufen, so lange die Türen der Polizeiwachen und Ministerien noch offen stehen und wir noch einen Ball haben, ist noch nichts verloren. Anstoß!

Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Wir erleben seit einigen Jahren den Beginn eines digitalen Zeitalters, das bereits weitreichende Folge für alle anderen Medien - wie Buch, Fernsehen, Fotografie - hat und in Zukunft noch größere haben wird. Als Literaturwissenschaftler und Autor hat mich in den vergangenen Monaten geärgert, wie einerseits die ‘Netzenthusiasten‘ im Sinne einer naiven Utopie suggerieren, dass mit einem neuen Medium wie dem Internet zugleich auch alles besser werde, und wie andererseits die Verteidiger der analogen Medienwelt so tun, als könne man dem digitalen Zeitalter entweichen und irgendwie doch noch den medialen Status quo bewahren.

Viele meiner liebsten, klügsten und besten Kolleginnen und Kollegen aus der literaturwissenschaftlichen Welt haben in letzterem Sinne den Heidelberger Appell unterzeichnet, den wiederum seine Online-Kritiker als “haarsträubend wie gefährlich” (Matthias Spielkamp) oder auch “feudalistisch” (Peter Glaser) brandmarken. Wenn man sich mit einzelnen Appell-Unterzeichnern ausführlicher unterhält, wird schnell deutlich, dass die dichotomische Gegenüberstellung von Buch versus Internet, geistigem Eigentum versus digitaler Kopie, Freiheit der Forschung versus Open Access sowie die Verschmelzung von Google und Open Access zu einem gemeinsamen Feind auch von vielen Unterzeichnern selbst kritisch gesehen wird.

Tatsächlich mag der Heidelberger Appell mit seinen starken und unversöhnlichen Thesen wichtig gewesen sein, um in den aktuellen Debatten mit Getöse auch die (im Medienverbund ansonsten bereits zu schwachen?) Stimmen der Literaten und Literaturwissenschaftler erklingen zu lassen. Wohin aber soll uns das in the long run führen? Schließlich beschäftigt uns alle schon in der Gegenwart nicht die Frage, ob wir die Buchkultur oder die digitalen Medienangebote nutzen, sondern wie wir diese beiden Optionen sinnvoll miteinander verbinden bzw. nebeneinander stellen. Dies scheint mir die eigentliche und zukunftsträchtige Frage zu sein.

Aus diesem Grunde habe ich für die jüngste Ausgabe der von den Literaturwissenschaftlern und Professor/inn/en  Jürgen Link (Dortmund), Rolf Parr (Bielefeld) und Marianne Schuller (Hamburg) herausgegebenen Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (Heft 57, Oktober 2009: mit dem Schwerpunkt “Warum kein Widerstand?” ohnehin sehr interessant!) einen längeren Aufsatz mit dem Titel Das Internet und die digitale Kopie als Chance und Problem für die Literatur und die Wissenschaft. Über die Verabschiedung des geistigen Eigentums, die Transformation der Buchkultur und zum Stand einer fehlgeleiteten Debatte geschrieben (zum Download des Aufsatzes als PDF bitte auf den Aufsatztitel klicken! Ich danke David Link für die grafische Gestaltung!). Darin unternehme ich - vor dem Hintergrund des historischen und medientheoretischen Wissens der kulturwissenschaftlichen Germanistik - den Versuch, die Buchkultur und die digitale Welt in ihren Stärken und Schwächen miteinander zu versöhnen und die durch den Heidelberger Appell evozierte dichotomische Debatte zu differenzieren. Konkret versuche ich zu zeigen,

  • warum der Heidelberger Appell eine überfällige Debatte verhindert;
  • warum Medienumbrüche schon immer ein diskursives Ereignis waren und die aktuellen Debatten um das Internet im historischen Rückblick auf die Durchsetzung des Buchzeitalters gar nicht so neu sind;
  • dass der Begriff des ‘geistigen Eigentums’ heute obsolet ist und nur noch als rhetorischer Kampfbegriff genutzt wird;
  • inwiefern Buchverlage, Wissenschaftler und ‚Geistesaristokraten’ (auch) als Besitzstandswahrer agieren;
  • dass der Kampf gegen die Vorherrschaft Googles notwendig ist;
  • warum ein neues Urheberrecht und Open Access wichtig sind;
  • welche Chancen und Probleme das Internet und die digitale Kopie für die Literatur und die Wissenschaft mit sich bringen.

Die historischen Betrachtungen und die Differenzierung der Gegenwart münden schließlich in einen Kulturrevolutionären Appell, benannt nach dem Publikationsort und dem erhofften Effekt des Beitrags, der wie folgt aussieht:

“Kulturrevolutionärer Appell. Für eine Nutzung der digitalen Publikationsmöglichkeiten und die produktive Koexistenz von Buchkultur und Internet

Weiterlesen »

Anekdote zum Bundestagswahlkampf 2009: Waldorf & Statler (3)

Den Bundestagswahlkampf 2009 kann man ganz einfach mit einem meiner Lieblingsdialoge zwischen Waldorf & Statler aus der Muppet Show kommentieren:

-Hey, you old fool. You slept through the show!
-Who´s the fool? You watched it!

Subversiv Messe Linz (I): Von Kanak Attak bis zur Kommunikationsguerilla und zurück

Da sich unser Sammelband SUBversionen (2008) sowie meine Dissertation über Literatur als Subversion, die 2010 erscheinen wird, mit Konzepten der Subversion befassen, wurde ich kürzlich zur Subversiv Messe nach Linz eingeladen, die im Rahmen des dortigen europäischen Kulturhauptstadtjahres stattfand. Ich habe dort einen kurzen Vortrag über meinen Begriff von Subversion gehalten, mich aber vor allem darüber gefreut, die Projektpräsentationen der wunderbaren Gruppen Ärzte ohne Ängste (D), Autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe (D) mit ihrem Handbuch der Kommunikationsguerilla, Kanak Attak (D), monochrom (A) und Ubermorgen (A/CH/USA) sehen zu dürfen, die ich in jeder Hinsicht nur empfehlen kann.

Dass das mainstreamige ARD-Format Tagesthemen - selbst wenn es einen freundlichen Bericht zeigen will - über nicht eine dieser Gruppen berichtet, sondern wieder mal die eher schnöderen, aber im Redaktionsduktus vermutlich ‚visuell überzeugenderen’ Beiträge subsummiert, sagt einiges über das Medium Fernsehen, in dem die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender sogar eher noch zur Güteklasse gehören.

Wie subversiv ist eigentlich Caren Miosga? Zur Beantwortung dieser Frage schaue man sich folgenden Beitrag an:

Anekdote: Lieblingsdialog

Der folgende Dialog ist mir tatsächlich, nun ja, zugestoßen - und fand direkt Eingang in die schöne Titanic-Rubrik Vom Fachmann für Kenner:

„Mach doch mal die Scheiße aus!”

„Was denn?”

„Ja, alles!”

Könnte man doch nur…

Aus: Titanic. Das endgültige Satiremagazin. Heft 6 (2005), S. 42.

Anekdoten: Waldorf & Statler (2)

Ein kleiner Dialog der berühmten Opas aus der Muppet-Show, im Vorgriff auf meine Lesung auf dem Passa Porta Festival in Brüssel:

-Just when you think the show is terrible something wonderful happens.
-What?
-It ends.

Anekdote: New York

Und dann war da noch die Kollegin, die mir für meine Zeit an der Columbia University mit auf den Weg gab:

„‚Thomas in New York’ - das klingt so ein bisschen wie ‚Kevin allein zu Haus’!”

Wo sie Recht hat, hat sie Recht.