„Europäische Kulturhauptstädte interkulturell“: Konferenz-Ergebnisse, Online-Vorträge und Tagungsband

Konferenz Europaeische Kulturhauptstaedte interkulturell

Die von Prof. Dr. Dieter Heimböckel und mir an der Université du Luxembourg organisierte Konferenz zum Thema Europäische Kulturhauptstädte interkulturell. Luxemburg und die Großregion (2007), das Ruhrgebiet (2010) und Istanbul (2010) war äußerst erfreulich. Die Vorträge von Dr. Wilhem Amann (Luxemburg), Prof. Dr. Volker Dörr (Düsseldorf), Dr. Thomas Ernst (Duisburg-Essen), Prof. Dr. Deniz Göktürk (Berkeley), Prof. Dr. Simon Güntner (Hamburg), Prof. Dr. Dieter Heimböckel (Luxemburg), Frank Hoffmann (Luxemburg), Prof. Dr. Sonja Kmec (Luxemburg), Dr. Jürgen Mittag (Bochum), Prof. Dr. Rolf Parr (Duisburg-Essen), Dr. Achim Prossek (Dortmund), Hans Sakkers (Utrecht) und Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan (Duisburg-Essen) (siehe in dieser Reihenfolge auch auf den Fotos rechts) wurden interessiert aufgenommen und boten zahlreiche Ausgangspunkt für spannende und lehrreiche Diskussionen. Die meisten Vorträge werden in einem Tagungsband dokumentiert, der Mitte 2011 als erster Band der neuen Reihe Interkulturalität. Studien zu Sprache, Literatur und Gesellschaft im transcript Verlag Bielefeld erscheinen wird (Reihenherausgeber: Prof. Dr. Andrea Bogner und Prof. Dr. Dieter Heimböckel).
Vorläufig kann man meines Erachtens drei generelle Erkenntnisse zum Komplex der Europäischen Kulturhauptstädte und ihrer Interkulturalität, die sich durch die meisten Vorträge gezogen haben, festhalten:

1. Alle Europäischen Kulturhauptstädte sind (allerdings in unterschiedlichen Weisen und Graden) gescheitert.

Während die Konzeption der Europäischen Kulturhauptstädte in der EU darauf zielt, die europaweite Vernetzung urbaner Räume zu fördern und einzelnen Städten und Ballungsgebieten einen Imagewechsel zu ermöglichen, lässt sich nahezu kein Beispiel benennen, bei dem dieses Ziel wirklich nachhaltig erreicht wurde. Im Idealfall blieben vor Ort kleine Initiativen nachhaltig, weshalb es wichtig erscheint, zumindest auf lokaler Ebene ein Kulturbüro zu installieren, das in der Nachfolge des Kulturhauptstadtjahres junge und avancierte Projekte weiterhin fördert.

Im Gegensatz dazu lassen sich Europäische Kulturhauptstadtjahre eher als nationale oder regionale Leistungsschauen klassifizieren, die der europäischen Netzwerkidee eher entgegenstehen und sich freiwillig einer brutalen Ökonomisierungslogik unterwerfen (und beispielsweise den Erfolg von Kunst in Übernachtungszahlen übersetzen). Zudem verstärken die Kulturhauptstadtjahre die zunehmend problematische Finanzsituation der kommunalen Träger noch, da sie zusätzliche Fördermittel binden; die Notwendigkeit für lokale Kunstgruppen, sich ein Jahr lang auf die Etikettierungen und Schwerpunkte des jeweiligen Kulturhauptstadtjahres auszurichten (bzw. sich in einer klare Frontstellung zu ihnen zu inszenieren), hat deren Wachstum im Regelfall eher behindert als gefördert.

2. Die Idee der Europäischen Kulturhauptstadtjahre wurde seit den 1990er Jahren zunehmend in die Aufgabe umgewidmet, den deindustrialisierten und bankrotten europäischen Stadträumen eine privilegierte Möglichkeit zur Außendarstellung zu geben.

Etwa seit 1991 in Glasgow erfüllen die Europäischen Kulturhauptstadtjahre eine Kompensationsfunktion: Ausgehend von einer äußerst prekären Situation der Kommunen und unter einer rein verwertungslogischen Bezugnahme auf die sogenannte ‚Kreativwirtschaft‘, sollen die im jeweiligen Kulturhauptstadtjahr durchkomponierten Veranstaltungen und Bilder den jeweiligen Stadtraum in seiner Außenwirkung aufwerten. Ein relativ junger (pseudo)wissenschaftlicher Diskurs liefert – beispielsweise in Form eines ‚Intercultural City Index‘ oder von Literatur wie Richard Floridas The Rise of the Creative Class – die Legitimation, alle Kulturbegriffe nur noch unter einem Verwertungsversprechen zu verhandeln und die Europäischen Kulturhauptstadtjahre als einen subventionierten Beitrag zur Wirtschaftsförderung zu begreifen. Die Idee, dass die kulturelle Vernetzung der Europäischen Regionen gestärkt werden sollte, wird dabei jedoch ausgetauscht gegen den unverhohlen ausgetragenen wirtschaftlichen Wettbewerb der europäischen Städte in prekären Zeiten.

3. Alle Europäischen Kulturhauptstadtjahre verstricken sich in unaufhebbare Widersprüche, da sie sehr unterschiedliche Gruppen – die EU-Auswahljury, internationale Medien, die Kunst-Fachwelt, die lokalen Publikumsmassen etc. – adressieren müssen. Durch diese komplexe Situation werden zwangsläufig und in unterschiedlicher Schwere verschiedene Interessensgruppen verärgert, abgestoßen und übergangen.

Erst seit 2005 werden die Kulturhauptstadtjahre anhand eines festen Regelwerks mit Auswahlkriterien und einer Jury vergeben, wobei das Auswahlverfahren selbst den – eher als Konkurrenz und weniger als Begegnung zu verstehenden – Wettbewerb zwischen den europäischen Städten und Regionen abbildet. Dieses Wettbewerbsverfahren und die unmöglich zu erfüllende Aufgabe, dem Kulturhauptstadtjahr eine gegenüber den verschiedenen Adressaten stringente Form geben zu müssen, machen in allen Kulturhauptstadtjahren einen starken Steuerungsprozesses von oben notwendig. Während anfangs alle Kulturhauptstädte mit Möglichkeiten zur Partizipation werben, bleiben diese logischerweise weitestgehend auf der Strecke. Doch auch das Veranstaltungsprogramm zerfällt in eine Vielzahl (widersprüchlicher) Ebenen, auf denen in höchstem Maße subventionierte Einmal-Events neben der ohnehin subventionierten Hochkultur stehen und sich allerdings teilweise auch subkulturelle Veranstaltungen im Programm finden, wenn diese sich nicht von Anfang an gegen die Kulturhauptstadtinstitutionen gestellt haben, die doch gerade auch der Kultur ‚vor Ort‘ Ausdrucksmöglichkeiten verschaffen sollen. Zudem müssen die Programme mit dem altbekannten Paradox kämpfen, dass je avancierter eine künstlerische Aktion ist, sie im Regelfall desto größere Schwierigkeiten haben wird, ihr Publikum zu finden und adäquat wahrgenommen zu werden.

Diese drei generellen Erkenntnisse wurden am Beispiel der Europäischen Kulturhauptstadtjahre 2007 in der Großregion Luxemburg und 2010 im Ruhrgebiet und in Istanbul näher untersucht. Die Resultate einiger Analysen können Sie sich bereits auf der Seite reviercast.de anhören:

Allgemeine und theoretische Vorträge zu Fragen der Interkulturalität

Prof. Dr. Dieter Heimböckel (Luxemburg): „Interkulturalität interdisziplinär denken. Zur Einführung in das Thema“ (32:10 Min.)
Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan (Uni Duisburg-Essen): „Kulturelle Wertedivergenzen als Integrationshemmnis?“ (44:09 Min.)

Vorträge zur Geschichte und Theorie der Europäischen Kulturhauptstädte

Prof. Dr. Simon Güntner (Hamburg): „Interkulturalität als Standortfaktor – Überlegungen und Beobachtungen zur Konstruktion von Interkulturalität in der Initiative ‚Kulturhauptstadt Europas‘“ (32:08 Min.)

Dr. Jürgen Mittag (Bochum): „Zwischen kommunaler Profilierung und europäischer Kooperation: Die Initiative ‚Europäische Kulturhauptstadt‘ und das Kulturhauptstadtjahr 2010″ (47:10 Min.)

Vorträge zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010

Prof. Dr. Rolf Parr (Duisburg-Essen): „Wen (alles) adressiert eigentlich eine ›europäische Kulturhauptstadt‹? Das Beispiel ‚Essen für das Ruhrgebiet‘“ (35:11 Min.)

Dr. Achim Prossek (Dortmund): „Ruhrgebiet: die (andere) Metropole Europas? Zur Rolle der Multikultur bei der Kulturhauptstadt Ruhr.2010″ (37:12 Min.)

Dr. Thomas Ernst (Duisburg-Essen): „‚Still-Leben‘, ‚Deathparade‘ und ‚Stadt der Kulturen‘. Die Wahrnehmung des Ruhr.2010-Kulturhauptstadtjahrs in der internationalen Berichterstattung“ (39:30 Min.)

Vortrag zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 in Istanbul

Prof. Dr. Deniz Göktürk (Berkeley): „Orientierte Vielfalt: Hauptstadt Europa – von der Ruhr bis an den Bosporus“ (42:18 Min.)

Vortrag zu der Bewerbung von Utrecht für das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2018

Hans Sakkers (Utrecht): „Searching for New Concepts for a European Capital of Culture: What about Human Rights?“ (42:56 Min.)

0 Kommentare
Hinterlassen Sie den ersten Kommentar.

Kommentieren

Lösen Sie bitte zum Schutz gegen Spam folgende Aufgabe: *

* erforderlich